Mythen rund um den Wolf

Um den Wolf kursieren viele Gerüchte und Irrtümer, die aber als „Tatsachen“ angesehen werden. In Zeiten von Fake News räumen wir nun mit einigen dieser weit verbreiteten Mythen auf und legen die Fakten auf den Tisch.

Mythos Nr. 1: Der Wolf wurde in Österreich ausgesetzt.

Aus ganz Europa ist kein Projekt bekannt, in dem versucht wurde, Wölfe durch Freilassung wiederanzusiedeln. Alle in Österreich vorkommenden Wölfe sind von selbst, entweder über die Alpen aus Italien, aus  den Dinariden, den Karpaten oder aus der mitteleuropäischen Tieflandpopulation (West-Polen und Deutschland), zugewandert.

Mythos Nr. 2: Der Wolf findet bei uns keinen Lebensraum.

Für viele ist der Wolf der Inbegriff wilder, unberührter Natur - wo kaum ein Mensch hinkommt. Tatsächlich ist der Wolf ein sehr anpassungsfähiges Tier. Alles was Wölfe brauchen, sind genügend Nahrung in Form von wildlebenden Huftieren und ruhige Rückzugsgebiete zur Aufzucht der Welpen. Innerhalb der mitteleuropäischen Kulturlandschaft mit einem historisch hohen Wildbestand gibt es demnach ausreichend geeigneten Lebensraum für den Wolf. Bei der Wiederausbreitung der Wolfspopulationen zeigt sich auch, dass Wölfe für ihre Territorien Gebiete mit geringer Straßendichte bevorzugen.

Mythos Nr. 3: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Wolf Menschen angreift.

Gesunde Wölfe, die nicht auf Menschen geprägt wurden, haben kein Interesse am Menschen. Angriffe von Wölfen auf Menschen waren in der Vergangenheit sehr selten. Bei den dokumentierten Fällen handelte es sich entweder um tollwütige Wölfe, aus der Gefangenschaft entlaufene Tiere oder Wölfe, die gefüttert wurden und dadurch positiv auf den Menschen geprägt waren. Der Mensch gehört bei normalem Verhalten nicht in das Beuteschema des Wolfes. Gesunde Wölfe, die weder provoziert, in die Enge getrieben noch angefüttert werden, stellen für den Menschen keine Gefahr dar. Nach einer norwegischen Studie wurden zwischen 1950 und 2000 in ganz Europa (Russland ausgenommen) neun Menschen von Wölfen getötet, fünf davon aufgrund von Tollwut (siehe Linnell, J.D.C. et al., 2002).  Österreich gilt seit 2008 als Tollwutfrei.

Mythos Nr. 4: Wenn wir nicht eingreifen, nimmt der Wolf Überhand.

Die Größe eines Wolfterritoriums, die Anzahl der jährlich geborenen Welpen und ihre Sterblichkeit wird vorwiegend durch die Verfügbarkeit von Beute bestimmt. Da geschlechtsreife Wölfe aus dem Rudel abwandern und ein bestehendes Territorium gegen fremde Wölfe verteidigt wird, bleibt die Wolfsdichte innerhalb einer von Wölfen besiedelten Region relativ konstant. Die natürliche Sterblichkeit der Wölfe wird auch von innerartlichen Konflikten zwischen Rudeln und Krankheiten, wie Staupe oder Räude beeinflusst.





Mythos Nr. 5: Ohne Bejagung verliert der Wolf seine natürliche Scheu.

Der Begriff Scheu ist nicht wissenschaftlich definiert und wird von Vielen als panikhaftes Verhalten gegenüber Menschen verstanden. Das trifft auf den Wolf nicht zu. Wölfe meiden zwar den Menschen, laufen aber bei einer Begegnung in der Regel nicht fluchtartig davon. Stattdessen halten sie in der Regel zunächst inne, um die Situation einzuschätzen, bevor sie weiter ihrer Wege ziehen. Personen im Auto oder auf Traktoren sind für Wölfe nicht als Menschen erkennbar, weshalb sie zu Fahrzeugen mitunter eine geringere Distanz eingehen als zu Spaziergängern.

Dreistes Verhalten von Wölfen allerdings ist antrainiert, oft durch Fehlverhalten von Menschen. Das kann sowohl in bejagten als auch nicht bejagten Populationen auftreten. Es braucht gute Informationsarbeit, um die Entstehung von dreistem Verhalten von vorneherein zu verhindern. Auf keinen Fall darf man sich Welpen aktiv annähern oder Wölfe anfüttern!

Mythos Nr. 6: Rudel führen zu mehr Konflikten.

Der Begriff „Rudelbildung“ ist manch Einen aus dem Fußball bekannt. Entgegen der aggressiven Stimmung, die dann auf dem Rasen herrscht, bedeutet Rudelbildung bei Wölfen schlicht: Fortpflanzung. Ein Wolfsrudel, ebenso ein Paar und manchmal auch ein Einzeltier, besetzen ein Territorium, das sie gegen andere Artgenossen verteidigen (außer es handelt sich um einen potentiellen Paarungspartner für das Einzeltier). Die Größe dieser Reviere schwankt in Mitteleuropa je nach Beutetierdichte zwischen 150 und 300 km2. Wird in diesem Bereich effizienter Herdenschutz betrieben, lernen die Wölfe schnell, dass sie ihr Glück bei Weidetieren gar nicht versuchen müssen. Als Wildtiere müssen sie ihre Energie gut einteilen und nehmen deshalb immer die am leichtesten zu erlangende Beute. Dieses Wissen geben sie an ihre Nachkommen weiter. In Ostdeutschland gibt es Wolfsrudel in deren Territorien in manchen Jahren nicht ein einziger Nutztierriss verzeichnet wurde. Kommt aber aus dem Rudel ein Elterntier um, kann es sein, dass sich das Rudel auflöst. Den nachfolgenden Wölfen muss dann von Neuem beigebracht werden, dass Weidetiere keine leichte Beute sind.

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