2019: Wildkatze

(Felis silvestris silvestris)

© Josef Limberger

Der Naturschutzbund hat die Europäische Wildkatze (Felis silvestris silvestris) zum Tier des Jahres 2019 für Österreich gewählt. Sie ist eine der seltensten heimischen Säugetierarten. Ursprünglich im Großteil Europas beheimatet, findet man heute nur noch aufgesplitterte Restvorkommen in den Nachbarländern. Auch in Österreich gab es noch bis in die 1950er Jahre Wildkatzen, bevor sie aus den heimischen Wäldern verschwanden. Seither gelingen nur mehr vereinzelt Nachweise. Deshalb heftet sich der Naturschutzbund seit 2008 an die Fersen des versteckt lebenden Tieres und sammelt über die Koordinations- und Meldestelle seit 2009 sämtliche Hinweise zu Wildkatzen.

Scheue Waldbewohnerin
Tagsüber schläft sie meistens, in der Dämmerung und nachts geht die Wildkatze auf Jagd. Aber nicht nur deshalb hat kaum je ein Waldspaziergänger sie zu Gesicht bekommen: Sie zählt zu den am wenigsten bekannten Säugetieren überhaupt und gilt in Österreich als ausgestorben, ausgerottet bzw. verschollen. Grund für das fast gänzliche Verschwinden der Wildkatze war vor allem die völlige Fehleinschätzung ihrer „Schädlichkeit“ und die daraus resultierende Verfolgung durch den Menschen bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Heute zählen die Verwechslung mit wildfarbigen Hauskatzen, die Zerschneidung des Lebensraumes und der Straßenverkehr zu den größten Gefahren für sie.
 
Die Wildkatze hat besondere Ansprüche an ihren Lebensraum. Sie braucht große zusammenhängende Waldgebiete, aber auch kleine Lichtungen, im Wald verborgene Wiesen und Waldränder mit reichen Heckenstrukturen. Deshalb eignet sich die Wildkatze sehr gut als so genannte Leitart des Naturschutzes: Viele andere Arten wie z. B. Baummarder oder Haselhühner, Schwarzstorch und Rotwild profitieren davon, wenn sich die Wildkatze wieder heimisch fühlt.

Beschreibung
Im Gegensatz zur Hauskatze, die vermutlich von den Römern aus Afrika mitgebracht wurde, ist die Wildkatze eine „echte“ Europäerin. Die Unterscheidung von Wildkatze und Hauskatze ist aber nicht einfach - selbst für Experten. Wildkatzen wirken wegen ihres dichteren Fells kräftiger und größer. Typisches Merkmal ist ein meist buschiger Schwanz mit schwarzen, nicht verbundenen Ringen und schwarzem, stumpfem Ende, ein Aalstrich entlang des Rückens, vier Nackenstreifen sowie eine fleischfarbige Nase und eine verwaschen getigerte Zeichnung auf beige-grauem Grund.
 
Sichtungen alleine reichen zum eindeutigen Nachweis von Wildkatzen nicht aus, hier ist die Verwechslungsgefahr mit der Hauskatze einfach zu groß. Um Wildkatzen sicher bestimmen zu können, braucht es deren Haare, Gewebe oder Kot zur genetischen Bestimmung. Bewährt hat sich bisher die „Lockstock-Methode“ in Kombination mit Wildkameras. Dazu werden mit Baldriantinktur besprühte, sägeraue Holzpflöcke aufgestellt, an denen sich die Katzen reiben und ihre Haare lassen.
 
Nahrung und Jagdweise
Als Einzelgänger jagen Wildkatzen in der Regel Tiere, die kleiner sind als sie selbst. Ihre Nahrung besteht zum überwiegenden Teil aus Wühlmäusen (z. B. Rötel-, Feldmäuse) und Waldmäusen. Bei zu hoher Schneedecke hat die Wildkatze Schwierigkeiten ihre Hauptbeute zu fangen und frisst daher auch andere kleine Nager, wie Ratten, Eichhörnchen sowie Junghasen. Weiters stehen Vögel, Lurche, Reptilien, Fische, Maulwürfe, Wiesel und Insekten (z. B.: Maikäfer, Heuschrecken) auf ihrem Speiseplan. In Notzeiten frisst die Wildkatze auch Aas und vegetarische Kost.
 

Fortpflanzung
Im Alter von neun bis zwölf Monaten werden Wildkatzen geschlechtsreif. In der Regel gibt es einmal pro Jahr, selten auch zweimal, Nachwuchs. Von Jänner bis März ist Ranzzeit, in der meist mehrere Männchen um ein paarungsbereites Weibchen buhlen. Die Tragzeit schwankt zwischen 63 und 68 Tagen. Folglich werden die meisten Jungen in den Monaten März, April und Mai geboren. Das Weibchen bringt in einem sicheren Versteck meist zwei bis vier Junge zur Welt. Die Jungen sind anfangs blind und öffnen erst zwischen dem zehnten und dem zwölften Tag ihre Augen. Im Alter von einem Monat werden sie entwöhnt und die Mutter beginnt mit der Jagdunterweisung, indem sie sowohl tote als auch lebende Beute heranträgt. Zwischen dem dritten und dem sechsten Lebensmonat ziehen die jungen Wildkatzen mit der Mutter umher und lernen von ihr sowohl Jagdtechnik als auch Beutetiere kennen. Danach sind die jungen Katzen selbstständig und verlassen das Revier der Mutter.
 
Lebensraum
Die Europäische Wildkatze findet optimale Lebensräume in bewaldeten Gebieten mit gemäßigt kontinentalem bis mediterran warmem Klima. Naturnahe Laub- und Laubmischwälder mit vielfältigen Strukturen und Kleinstbiotopen werden dabei bevorzugt. Hier findet die Wildkatze die benötigten Verstecke, ein ausgedehntes vielschichtiges Revier mit Rückzugsmöglichkeiten sowie ausreichend Nahrung und Aufzuchtplätze für ihre Jungen.
 
Da Felis silvestris s. keinen Winterschlaf hält, ist sie darauf angewiesen das ganze Jahr über auf Jagd zu gehen. Eine mittlere, winterliche Schneedeckenhöhe über 20 cm wirkt sich limitierend aus. Schneereiche Winter bringen die Wildkatze in Bedrängnis, da sich ihre Hauptbeutetiere, kleine Nager, gut unter dem Schnee verstecken können und sie auf Grund ihrer schmalen Pfoten leicht im Schnee einsinkt. Biogeographische Studien zeigen jedoch, dass sich im Zuge der derzeitigen Klimaerwärmung und der daraus resultierenden weniger strengen Winter in Österreich die Lebensraumbedingungen für die Wildkatze verbessern werden.
 
Gefährdung und Schutzmaßnahmen
Die Wildkatze gilt in Österreich laut der Roten Liste von 1989 als „ausgestorben, ausgerottet oder verschollen“.
 
Mit der Gründung der Koordinations- und Meldestelle im Jahr 2009, die alle Wildkatzenmeldungen in Österreich sammelt und bewertet, sowie der Plattform Wildkatze, einer Arbeitsgemeinschaft aus Naturschutzbund Österreich, Österreichischen Bundesforsten, Naturhistorischem Museum Wien, Zentralstelle der österreichischen Landesjagdverbände, Nationalpark Thayatal, Alpenzoo Innsbruck sowie einzelnen Experten wurden die Bemühungen um die Wildkatze wieder intensiviert und ein Aktionsplan zu ihrem Schutz erarbeitet.
 
Erster und wichtigster Schritt ist es dabei den Populationsstatus der Wildkatze in Österreich zu klären. Eine erste Analyse zeigt, dass man in Österreich von einer kleinen Wildkatzenpopulation ausgehen kann, in der es zu Reproduktion kommt und deren Status aktuell mit „vom Aussterben bedroht“ eingestuft werden kann. Insgesamt muss der Wissenstand über die Wildkatze in Österreich als mangelhaft bezeichnet werden. Systematische Erhebungen fehlen weitgehend, weshalb der Status dieser Art nur rudimentär bekannt ist.
 
Ausgehend von der Pionierarbeit des Nationalparks Thayatal startete der Naturschutzbund Österreich mit Unterstützung der Bundesforste (ÖBf) ein Projekt, um die potenzielle Verbreitung der Wildkatze in Österreich festzustellen. Dieses sollte als Entscheidungsgrundlage für weitere Schutzmaßnahmen dienen. Die Ergebnisse zeigen, dass auch heute noch ausreichend Lebensraum für die Wildkatze in Österreich vorhanden ist. Gemeinsam mit dem Aktionsplan Wildkatze bildet dieses Projekt die Grundlage für eine Bestandserhebung der Wildkatze in Österreich. Aktive Maßnahmen dafür setzt die 2009 gegründete Plattform Wildkatze, zudem wurde mit finanzieller Unterstützung der Jägerschaft eine Koordinations- und Meldestelle beim Naturschutzbund Österreich eingerichtet.
 
Das Tier des Jahres für Österreich wird vom Naturschutzbund Österreich ernannt.

Helfen auch Sie mit

Unsere Naturschutzarbeit ist vielfältig: Wir kaufen wertvolle Lebensräume frei, säubern Bäche von Müll, bewahren bunte Blumenwiesen vor dem Verschwinden, bringen Nisthilfen an, führen Nachzuchtprogramme für Edelkrebse oder "Urforelle" durch, untersuchen das Vorkommen von Wildkatze, Luchs & Co, u.v.a.m. Als gemeinnütziger Verein ist der Naturschutzbund Österreich auf die Hilfe von umweltbewussten Menschen angewiesen, um weiterhin für die Erhaltung seltener Arten und deren Lebensräume zu kämpfen.

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