Lebensraumvernetzung

Gebot der Stunde zur Sicherung der Biodiversität

Naturnahe Blühflächen und Gehölze sind dem Naturschutzbund ein besonderes Anliegen, nicht zuletzt weil sie als wesentliche Bestandteile einer zukunftsfähigen „ökologischen Infrastruktur“ zu betrachten sind und als vernetzende Elemente zu einer vielfältigen Kulturlandschaft als Lebensgrundlage für alle beitragen.

© Wolfgang Sollberger

Deshalb stand Lebensraumvernetzung im Mittelpunkt des 46. Österreichischen Naturschutztages „Natur verbinden – Barrieren überwinden“. Experten und Vertreter von Land- und Forstwirtschaft, Verwaltung, Tourismus, Jägerschaft, Verkehr, Wirtschaft, Forschung, Raumplanung und Naturschutz brachten sich ein, bekräftigten die Notwendigkeit eines Biotopverbundes zur Sicherung der Artenvielfalt und diskutierten Möglichkeiten zur Sicherung von Lebensraumkorridoren. Die Tagung fand im Rahmen der Initiative NATUR VERBINDET statt, die mehr bunte und artenreiche Naturflächen in Österreichs Kulturlandschaft erreichen möchte.

Angesichts der vielen Ansprüche an die Landschaft, müssen ökologische Freiräume erhalten und ein funktionsfähiges Netz aus Lebensräumen gesichert werden. Hier drängt die Zeit und es besteht - für alle Akteure in der Kulturlandschaft - Handlungsbedarf auf allen Ebenen, im Kleinen wie im Großen. Deshalb will der Naturschutzbund mit diesem Papier an die gemeinsame Verantwortung aller für ein Lebensraumvernetzung erinnern.

Artenvielfalt braucht vernetzte Naturräume
Der Artenverlust hat bedrohliche Ausmaße angenommen – hauptsächlich, weil Lebensraum verloren gegangen und vom Menschen massiv verändert worden ist, Populationen voneinander getrennt und isoliert wurden. Es besteht dringender Handlungsbedarf: Unter Wahrung des gewachsenen landschaftsökologischen Gefüges muss ein Netz vielfältiger und strukturreicher Naturräume geschaffen und erhalten werden. Vor allem müssen die wichtigsten noch vorhandenen Lebensraumkorridore und potenziellen Verbindungsachsen von Intensivbewirtschaftung, Siedlung und Verkehrsinfrastruktur freigehalten werden. Wesentliche Voraussetzung für einen funktionierenden Biotopverbund ist die Sicherung und ggf. Pflege der unterschiedlichen Naturflächen. Allerdings muss auch mit entsprechenden Maßnahmen verhindert werden, dass Vernetzungsstrukturen die Ausbreitung invasiver Arten fördern.

 
Vom Wissen zum Handeln
Aufgrund der intensiven Landnutzung und der starken Fragmentierung ist in Europa die Gefahr besonders groß, Biodiversität zu verlieren. Daher forciert die EU das Konzept der „Grünen Infrastruktur“. Durch diese Biotopnetzwerke sollen die Biodiversität erhalten, die Ökosystemfunktionen, deren Regenerationsfähigkeit (insbesondere in Anbetracht der Klimawandel-Folgen) sowie die darauf basierenden Potenziale zur Erbringung von Ökosystemleistungen gesichert werden. In Österreich – sowohl bundesweit als auch in einzelnen Bundesländern – gibt es zahlreiche Projekte
und Studien, die zeigen wo die wichtigen lebensraumverbindenden Achsen (Korridore) liegen. Es gilt nun dieses Wissen zu nutzen und zu ergänzen, Akzeptanz für ein „Grünes Netz“ in Österreich zu schaffen und es vor allem in der Raumplanung umzusetzen.
 
 
Gemeinsame Verantwortung für die (Kultur-)Landschaft!
Zur Sicherstellung einer naturnahen und strukturreichen Kulturlandschaft, in der Arten wandern und sich ausbreiten können, sind alle in der Verantwortung – die Zivilgesellschaft genauso wie Politik, Behörden, Grundbesitzer oder Interessensvertreter. Bewährte und neue Allianzen sind gefragt.
Einige seien hier direkt angesprochen:

> Politik
Eine zukunftsfähige Politik muss handeln und geeignete Rahmenbedingungen für die Rettung der Lebensraumkorridore schaffen. Ein Sektor übergreifender, gesamtheitlicher Ansatz mit Bundeskompetenzen für „Ökologische Raumplanung und Naturschutz“ ist dringend notwendig. Über alle Gruppeninteressen hinweg sichert Biodiversität die Lebensqualität und trägt letztendlich zum Überleben aller bei. Deshalb darf Politik nicht auf Zuruf einzelner Interessen agieren. Die Politik in Bund und Ländern ist gefordert, Natur und Umwelt und damit auch Lebensraumvernetzung ganz oben auf die Prioritätenliste zu setzen. Sie muss für eine Kehrtwende hin zu einem sparsamen Umgang mit dem nur begrenzt zur Verfügung stehenden Raum lokale und sowie überregionale Programme zur Biodiversitätserhaltung schaffen. Es braucht rechtliche Grundlagen genauso wie wirksame finanzielle Anreize. Raumplanung muss auf eine übergeordnete Ebene gehoben werden (auch zur Entlastung der Gemeinden) – weg vom Parzellendenken hin zu einer umfassenden
Raumordnungspolitik.
 
Zur Erhaltung des Biotopverbunds ist ein Mindestmaß an Regeln und Verbindlichkeit erforderlich. Sich in den Dienst des Ganzen zu stellen braucht Anreize, vor allem für die Land- und Forstwirtschaft, um mehr Netzwerkflächen für die Natur zu ermöglichen. Dafür muss der Vertragsnaturschutz ausgebaut werden.

Die Politik muss in der GAP-Periode nach 2020 eine Trendwende zu einem funktionierenden Lebensraumverbund erreichen. Sie muss bestehende ÖPUL Förderungen hinsichtlich ihrer Naturschutz-Wirksamkeit überprüfen und auch in Richtung Biotopverbund optimieren. Naturflächen im Besitz der öffentlichen Hand (z.B. Ufergrundstücke, Wegränder) sollen auf ihre Möglichkeiten zum Biotopverbund beizutragen geprüft, gesichert und von (z.T. auch unbeabsichtigten) Fremdnutzungen freigehalten werden.

> Land- und Forstwirtschaft
Aufgrund der Bodennutzung sowie der Bewirtschaftungspraxis tragen Land- und Forstwirte eine besondere Verantwortung für den Erhalt der Artenvielfalt. Vor allem Österreichs Talböden unterliegen vielen Nutzungsansprüchen. Gleichzeitig müssen sie als multifunktionale Räume durchlässig gehalten
werden: Wanderachsen sind Bewegungs- und Verbindungsräume für Mensch und Tier, genauso wie (Land-)Wirtschaftsraum und Kulturgut, sie prägen das Landschaftsbild. Deshalb muss die Raumplanung für die Gesellschaft aktiv werden – auch im Sinne der Landwirtschaft, um den Bauern auch langfristig
die Nutzung der Böden zu ermöglichen.
Es braucht eine qualitative Verbesserung der Lebensraumkorridore: Im engen Dialog mit den Grundbesitzern müssen Maßnahmen erarbeitet werden, die die Korridorfunktion erhalten und verbessern. Hecken, Blühstreifen, Gehölzinseln und naturnahe Waldränder zu erhalten und zu fördern, muss wieder zum Selbstverständnis werden. Eigenverantwortliches nachhaltiges Handeln muss durch bestehende und neue Förderinstrumente (ÖPUL, Landschaftselemente, Ausgleichsflächen) unterstützt und honoriert werden.

> Raumplanung
Die Raumplanung ist ein wesentliches Instrument zur Sicherung des Lebensraumverbundes. Um die Korridore von weiterer fragmentierender Bautätigkeit freizuhalten, braucht es eine enge Zusammenarbeit der örtlichen und überregionalen Raumplanung. Diese muss gestärkt und gefördert werden und soll die Basis dafür sein, dass Biotopverbund überall „mitgedacht“ wird. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass die bestehenden Instrumente der Raumordnung nicht ausreichend angewendet werden, um die Funktionalität vernetzender Strukturen dauerhaft sicherstellen zu können. Ausgewiesene Grünkorridore sind als „Freihaltezonen“ zu verordnen. Es sind österreichweit geeignete Planungsgrundlagen notwendig und nutzbar zu machen: Lebensraumkorridore müssen in allen Bundesländern planlich sichtbar gemacht und bei raumrelevanten Planungen berücksichtigt werden.

Neben Maßnahmen zur Eingriffsminderung gewinnen funktionale Kompensationsmaßnahmen zur Lebensraumvernetzung an Bedeutung. Es braucht strategische Flächensicherung: Flächen müssen in ihrer naturschutzfachlichen Qualität aufgewertet werden, Ausgleichsflächen koordiniert eingesetzt, wenn sinnvoll auch in größerer Entfernung des Eingriffes, und für Korridore gebündelt werden.

> Naturschutz
Eine gute Zusammenarbeit des behördlichen Naturschutzes mit den anderen Sektoren fördert Verständnis für das gemeinsame Ziel der Freihaltung von Flächen abseits von Grabenkämpfen und Partout-Standpunkten.

Neben überregionalen, von Siedlungen und Infrastruktur frei gehaltenen Landschaftsräumen und Grünkorridoren braucht es auch ein lokales Netz vielfältiger Lebensräume und Landschaftselemente. Die Monotonisierung der Kulturlandschaft durch ausgedehnte Agrarflächen und der ausgeprägte Mangel an Randstreifen und Landschaftselementen sind z. B. für die Insektenwelt genauso fatal wie eine innerhalb kürzester Zeit durchgeführte flächendeckende Ernte, die ganze Landstriche kahlschlagartig zu ‚Wüsten‘ werden lässt. Flächen mit Mahdverzug, Randstreifen, Säume und Hecken verbessern die Situation für Bestäubergemeinschaften erheblich und bieten auch bodenlebenden Organismen Fluchträume. Diese Landschaftsstrukturen sollten ins Zentrum des Bewusstseins und des Handelns gerückt werden.

Ankauf oder Pacht von Flächen zur Sicherung von Trittsteinbiotopen ist eine weitere wirkungsvolle Maßnahme zur Förderung der Korridorfunktion. Es muss sich dabei nicht um riesige Flächen handeln. Schon kleine Naturoasen, die u. a. mit Hilfe von Spenden aus der Bevölkerung angekauft und so
dauerhaft gesichert werden können, sind ein wertvoller Beitrag. Die fast 2.000 Flächen des Naturschutzbundes sind solche Trittsteine und Verbindungselemente, die das Überleben vieler Tiere sichern.

> Wirtschaft
Ökologie und Ökonomie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden – weder durch die Politik noch durch Naturschützer oder Wirtschaftsbetriebe. Die Sicherung der Biodiversität muss ein Hauptziel nachhaltigen Wirtschaftens sein. Bei der Frage des Bodenverbrauchs darf der Naturschutz nicht als „Verhinderer“ angesehen werden. Im Gegenteil: Seine Rolle ist es neue Denkanstöße zu liefern, um den Landverbrauch gemeinsam wirkungsvoll einzudämmen. Wirtschaften und Naturerhalt sind kein Widerspruch. Die Abhängigkeit mancher Wirtschaftszweige wie etwa des Tourismus von einem natur und artenreichen Österreich muss der Gesellschaft noch deutlicher vor Augen geführt werden.

Große staatsnahe Betriebe mit hoher Flächenwirksamkeit wie ÖBB, Asfinag, Österreichische Bundesforste, Energieerzeuger oder Landesgesellschaften sollen (weiterhin) bei Projekten und in ihrem betrieblichen Alltag dem Lebensraumverbund bzw. Naturerhalt einen hohen Stellenwert einräumen und
gezielt Aktivitäten setzen. Der boomende Industriezweig nicht fossiler Energiegewinnung (Windkraftanlagen, Solargroßanlagen, Biomasse) darf nicht allein durch eine von Regionalinteressen geprägte Standortwahl zu neuen Belastungen für hochwertige Naturräume führen.
 
> Zivilgesellschaft und „Jeder Einzelne“
Um eine struktur- und artenreiche (Kultur-)Landschaft zu erhalten bzw. zu erreichen ist auch Zivilcourage gefragt. Es braucht den Mut Position zu beziehen und politische und Behördenentscheidungen an den Pranger zu stellen, die sich offensichtlich gegen die Interessen der Biodiversität richten. Genauso wie jene anerkannt und bestärkt werden müssen, die eine naturnahe Kulturlandschaft aktiv fördern. Wichtig ist es auch zu zeigen, dass das Engagement jedes Einzelnen entscheidend sein kann. Mit gutem Beispiel vorangehen kann etwa heißen, giftfreie Gärten mit heimischen Pflanzen zu vielen kleinen Trittsteinen für bedrohte Tier- und Pflanzenarten machen. Auch das Konsumverhalten kann entscheidende Weichen stellen, indem man möglichst oft auf Fleisch oder industrielle Lebensmittel verzichtet und jene Bauern unterstützt, die mit der Natur arbeiten. Und nicht zuletzt ist auch die Vernetzung und Unterstützung von Organisationen wie dem Naturschutzbund eine Möglichkeit, den Anstrengungen zur Schaffung eines Biotopverbunds noch mehr
Kraft zu verleihen.
 
Präsidiumsbeschluss vom 17.3.2018
 
 

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