Eine Chance für den Wolf

© Wolfgang Schruf

Einst war Europa flächendeckend von Wölfen besiedelt. Noch vor etwa 200 Jahren waren sie fast in ganz Österreich heimisch. Die letzten autochthonen Wolfspopulationen in Österreich sind im Laufe des 19. Jahrhunderts durch intensive Verfolgung erloschen. Im 20. Jahrhundert haben nur mehr vereinzelt Wölfe aus benachbarten Ländern das österreichische Staatsgebiet erreicht. Mit der Zunahme von Rotwild- und Rehbeständen sowie der Einführung von Schutzbestimmungen in vielen europäischen Ländern haben sich die Wolfspopulationen im Umfeld von Österreich stabilisiert bzw. haben wieder zugelegt. Das gilt im besonderen Maße für die italienische Population, die sich in den letzten 30 Jahren über den Apennin bis in die Westalpen ausgebreitet hat. Zudem sind Wölfe sehr anpassungsfähige Tiere, die mit der menschengeprägten, mitteleuropäischen Kulturlandschaft gut zurechtkommen.

Es war daher nur eine Frage der Zeit, wann Wölfe selbständig in unser Land zurückkehren. Im Laufe der letzten 20 Jahre sind die sporadischen Wolfsbesuche in Österreich etwas häufiger geworden. Ab 2009 hat sich die Entwicklung beschleunigt. Wölfe aus dem Apennin, den Dinariden, dem Baltikum und den Karpaten erreichen unser Land. Im Jahr 2016 gründete sich die erste Wolfsfamilie am Truppenübungsplatz in Allentsteig in Niederösterreich. Das Wolfspaar hatte auch 2017 wieder Nachwuchs. Laut Experten leben derzeit vermutlich rund 20 Wölfe (Allentsteiger Rudel + durchziehende Einzeltiere) in Österreich. Konflikte mit viehhaltenden Landwirten sowie mit Jägern insbesondere in den Regionen mit Rotwildvorkommen sind hier vorprogrammiert. Die lange Zeitspanne ohne die Anwesenheit von großen Beutegreifern wie Luchs, Bär und Wolf hat dazu geführt, dass es bei uns weder ein tradiertes Verhalten zur Vermeidung von Verlusten von Weidetieren bei den LandwirtInnen gibt, noch die Bereitschaft und auch die Möglichkeit, kurzfristig einen effektiven Herdenschutz zu etablieren. Auch die Jäger haben insbesondere bei ihren Fütterungskonzepten das Vorkommen des Wolfes nicht mehr „vorgesehen“ und können mit der Fütterungspraxis zu Schäden erheblich beitragen. Obwohl es in allen Bundesländern außer Wien und dem Burgenland Entschädigungen für Wolfsrisse bei Nutztieren gibt, fehlt die Akzeptanz des Wolfs in der Bauernschaft und vor allem bei deren Interessenvertretungen fast vollends. Vielmehr wird häufig die Forderung nach einem wolfsfreien Alpenraum aufgestellt und bei Nichterreichung ein Ende der Almwirtschaft prophezeit. 

Der Wolf schließt eine Lücke im Ökosystem

Die Lebensbedingungen für Wölfe im Alpenraum haben sich seit Jahrzehnten spürbar verbessert. Die Waldfläche ist in den meisten Ländern gewachsen und die heutigen Bestände der primären Beutetiere wie Reh, Rothirsch und Wildschwein sind so hoch wie in den letzten Jahrhunderten noch nie. Große Beutegreifer spielen eine ökologische Schlüsselrolle an der Spitze der Nahrungspyramide, da sie als „Gesundheitspolizei“ für die Fitness der Wildbestände sorgen. Die Rückkehr des Wolfs nach Mitteleuropa schließt demnach die Lücke, die in natürlichen Ökosystemen den Großraubtieren zukommt.

Schutzstatus

Der Wolf ist in der FFH-Richtlinie in den Anhängen II und IV aufgeführt. Erklärtes Ziel der Richtlinie ist die Erhaltung bzw. die Erreichung eines günstigen Erhaltungszustandes für die betreffenden Arten und Lebensräume. Davon sind wir in Österreich, was den Wolf betrifft, noch weit entfernt. Daher muss dafür Sorge getragen werden, dass bei Erhaltung der aktuellen land- und forstwirtschaftlichen Nutzung auch die Bildung von lokalen Wolfspopulationen möglich ist.

In der Berner Konvention ist der Wolf in Anhang II (streng geschützte Tierarten) angeführt. Diese Tierarten dürfen weder gestört, noch gefangen, getötet oder gehandelt werden.

Wie der Naturschutzbund dazu steht…

Der Wolf gehört zum natürlichen Arteninventar Österreichs. Er verdient es, mit Respekt behandelt zu werden, nicht nur in Bezug auf seine Rolle im Naturhaushalt. Der Naturschutzbund sieht die selbstständige Rückkehr des Wolfs dementsprechend positiv. Dem Naturschutzbund ist bewusst, dass die Rückkehr mit Herausforderungen verbunden ist und alle – von den (Alm)bauern, den Jägern, deren Interessensvertretungen, bis hin zum amtlichen Naturschutz und den Naturschutzorganisationen – gefordert sind, gemeinsame Lösungen für den Umgang mit dem Wolf zu finden. Der böse Wolf als „Tiermörder“ muss ebenso ausgedient haben wie die Verniedlichung von Nutztieren, die in erster Linie für die Fleischversorgung des Menschen gehalten werden. Die Dämonisierung des Wolfes ist in einer aufgeklärten Gesellschaft überholt.

Um ein künftiges Zusammenleben mit Wölfen zu ermöglichen, braucht es Vorsorge, Ausgleich und Kommunikation:

Prävention (Vorsorge): Durch geeignete Vorsorgemaßnahmen sollen Schäden an Weidetieren weitestgehend verhindert oder zumindest gemildert werden. Neben der Behirtung geht es hier um wirksame Maßnahmen des Herdenschutzes, die vom Einsatz von Elektrozäunen bis zum Einsatz von Herdenschutzhunden auf den Sommerweiden reichen. Der Naturschutzbund setzt sich für finanzielle Beihilfen für Präventivmaßnahmen ein. 

Kommunikation: Notwendig ist eine umfassende, zielgruppenspezifische Information über den Wolf an sich, über Möglichkeiten der Schadensverhinderung und Schadensabgeltung sowie über Verhaltensregeln im Umgang mit Wölfen. Überdies ist vor allem ein intensiver Dialog mit der Jägerschaft über mögliche Auswirkungen des Wolfs auf die jagdliche Nutzung zu führen. 

Um dem Wolf auch bei uns wieder seinen angestammten und ökologisch wichtigen Platz in der Natur einräumen zu können – der rechtlich vorgegeben ist – sind alle Beteiligten gefordert, ernsthaft und ohne Polemik an fachlich orientierten Lösungen zu arbeiten. Von allen Parteien/Beteiligten ist Verständnis für die Position des jeweils anderen notwendig. Die Gesellschaft und die politischen Entscheidungsträger müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen nur dann sichergestellt werden kann, wenn auch die entsprechenden finanziellen und personellen Ressourcen zur Verfügung stehen.

Die Wölfe sind in Österreich angekommen, weitere werden folgen. Um für diese Entwicklung gerüstet zu sein, muss jetzt gehandelt und mit der Umsetzung der notwendigen Maßnahmen begonnen werden. Ein Blick über die Grenzen zeigt uns, dass Landwirte und Wölfe gut nebeneinander existieren können!


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