Turbastall neu - ein Paradies für Amphibien und Libellen

Beim Schochna (Foto: Georg Amann)

Man hätte ihn fast vergessen, den alten Torfstich in einem Wald bei Schlins. Denn 60jährige Fichten versperrten die Sicht auf ein verschilftes Torfstichloch und letzte kleine Wasserflächen. Kaum vorstellbar, wie das einst offene Moor früher ausgesehen haben mag. Ältere Schlinser erinnern sich zumindest an den Torfabbau, der vor 60 Jahren zum Erliegen kam.

Aus dem Auge - aus dem Sinn? Nicht ganz! Die Idee, in diesem durch Entwässerung, Torfabbau und Verwaldung zerstörten Moor neue Lebensräume für bedrohte Tiere und Pflanzen und eine Naturerlebniswelt für uns Menschen zu schaffen, gibt es schon länger. Wie so oft braucht es dann nur noch einen Anstoß von außen. Rochus Schertler regte vor etwa 15 Jahren einen Managementplan für Feuchtgebiete zwischen Schlins und Bludesch an. Seit damals kam einiges ins Rollen. Seit nun mehr als 10 Jahren werden wieder alljährlich die damals verbrachten Waldriede vom Wiesenmeister Franz Rauch als Streuewiesen gemäht. Für die freiwilligen Helfer heißt es jeden Herbst von neuem: dengla, maia, mahdna, schochna. Stroh fürs Vieh. Und dankbar sind auch Fieberklee und Wasserschlauch. Doch die vorgeschlagenen Maßnahmen für den alten Torfstich im Turbastall blieben vorerst in der Schublade.

Baggerarbeiten (Foto: Reinold Amann)

Im Rahmen des Interreg-Projektes „Kleingewässer“ ergab sich für den Naturschutzbund nun die Möglichkeit, gemeinsam mit der Gemeinde Schlins und mit tatkräftiger Unterstützung des Grundbesitzers, der Agrargemeinschaft Schlins, im vergangenen Winter was zu bewegen. Bewegt wurde freilich mit schwerem Gerät: ein Prozessor für die Holzerarbeiten und ein Moorbagger für die Ausgestaltung der neuen Tümpel und eines Torfstichweihers. Was für ein Kontrast zu den beschaulichen Arbeiten mit Sense und Gabel!

 

 

 

Turbastall im Mai 2017 nach den Maßnahmen im Winter (Foto: Georg Amann)

Wie werden wohl die neuen Tümpel in einem radikal veränderten offenen Gelände von Flora und Fauna angenommen? Die Erwartungen waren zunächst nicht zu hoch gesteckt, die Sorgen überwogen klar.

 

 

 

 

 

Erdkröten (Foto: Georg Amann)

Ab Mitte März 2017 sind diese Sorgen schnell verflogen. Die ersten Erdkröten erscheinen und Grasfrösche hatten bereits eine große Laichgesellschaft gebildet. Zwei Wochen später war vom Quorren und Glucksen nichts mehr zu hören. Nur noch die Laichballen und Laichschnüre erinnern an das lustvolle Ereignis. Da und dort haben sich jetzt auch Bergmolche eingefunden und es kommen immer mehr, bald schon sieht man überall ihre netten Balzspiele. Mit dem Schlüpfen der Kaulquappen beginnt eine neue spannende Beobachtungszeit. Im Mai und Juni kann man kleine Ringelnattern beobachten, wie sie in die riesigen Kaulquappen-Schwärme eintauchen und dort leichte Beute machen. Auch sieht man immer wieder die großen Gelbrandkäfer und deren Larven in diesem Schlaraffenland für die Kaulquappen-Jäger.

 

Gelbbauchunke (Foto: Georg Amann)

Mit einem gewissen Argwohn könnte man diesen Prädatoren freilich in einem Tümpel begegnen, der zur großen Überraschung und Freude von wenigen Gelbbauchunken als Lebensraum auserkoren wurde. Man ertappt sich an diesem lächerlichen Nützlings-Schädlings-Denken. Schlägt man sich doch gerne auf die Seite der gefährdeten Gelbbauchunke  und  verdächtigt alles was ihr vermeintlich schaden könnte. Selbst der hin und wieder anwesende Graureiher und sogar die Entenfamilie werden scheel angesehen. Ungeachtet dieser menschlichen Regungen gelang es den beiden unermüdlich rufenden Männchen ihre Weibchen anzulocken, es kam zu Paarungen und zur Eiablage und schließlich schafften es zumindest zwei winzige Unken, dem Tümpel zu entsteigen.

 

Große Moosjungfer (Foto: Paul Amann)

Stand der Frühjahrsauftakt ganz im Zeichen der Amphibien, so beginnt sich ab Mitte Mai auch in den Lüften was zu tun. Immer mehr Libellen erscheinen an den Gewässern und bis Ende Oktober werden es 30 verschiedene Arten gewesen sein. Wie für Moorgewässer typisch ist der Vierfleck eine der häufigsten Großlibellen im Frühjahr. Neben der großen Artenvielfalt unter den Libellen fasziniert auch das Erscheinen seltener Arten. Allen voran ein Männchen der Großen Moosjungfer. Wer hätte gedacht dass damit ein Erstnachweis für Vorarlberg gelungen ist. In neu geschaffenen Torfgewässern soll sie sich wohlfühlen, sagt man. Na bitte!

 

 

Noch ein Exkurs in die Nacht. Hier wird das, was man hört oder gerade noch hört zum dominierenden Erlebnis. Erinnerlich eine mondhelle Frühsommernacht mit den traurigen Unkenrufen, dem heiseren Schluckauf junger Waldkäuze und dem Zirpen der Sumpfgrillen. Auch was wir nicht hören und doch lautstark ruft, faszinierte, nämlich die Fledermäuse mit ihren Ultraschallrufen. Überrascht hat, dass die vermeintlich traditionsbewussten Tierchen das neue Gewässer rasch als abendliche Tränke für sich entdeckten.

Mag. Georg Amann

 

Das Interreg V-Projekt „Kleingewässer“ wird mit Fördergeldern der Europäischen Union und der beteiligten Schweizer Kantone, durch das Land Vorarlberg, Stiftungen und Gemeinden finanziell unterstützt.

Weitere Infos: www.kleingewaesser-netzwerk.org


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