Kiebitz, Vogel des Jahres 2026

Kiebitz © Wolfgang Ulmer

Diesmal ist alles anders! Oder fast. Der Vogel des Jahres wird von einer Kommission gewählt, weil er entweder besonders gefährdet, fast ausgerottet oder zumindest in seinem Lebensraum bedroht ist. 

Passt natürlich auf den Kiebitz punktgenau. Nach der Einpolderung im Rheindelta stieg die Zahl der Brutpaare von ca. 70 auf 170 an, was auf die Verbesserung der Brutmöglichkeiten zurückzuführen war. Seit den Achtzigerjahren sinken die Bestände jedoch kontinuierlich, heute sind es im Rheindelta wohl kaum mehr 15 Paare. 

Die Ursachen sind vielfältig, liegen aber klar auf der Hand. An erster Stelle ist es der Verlust von Lebensraum, der für die Vögel nicht nur zur Brut geeignet sein sollte, sondern auch genügend Nahrung für die Aufzucht der Jungen bieten muss. Zu häufiges Mähen oder gar das Wegfallen der Mahd verhindert jeden Bruterfolg. Kiebitze brauchen niedere Riedwiesen mit einem weiten Rundumblick, um Feinde rechtzeitig zu bemerken. In den letzten dreißig Jahren kommt eine massive Austrocknung der Böden dazu, die ein Stochern nach Nahrung erschwert. Die hohe Zahl an Prädatoren, also Fressfeinden der Kiebitze, tut ein Übriges. Füchse, Wiesel, Dachse, Marder, Rohrweihen oder freilaufende Hunde können ganze Brutkolonien gefährden. Gegen schnell fahrende Kreiselmäher hat kein Jungkiebitz eine Überlebenschance. Als Koloniebrüter können Kiebitze zwar viele Luftfeinde fernhalten, indem sie gemeinsam Angriffsflüge starten, gegen Füchse, Wiesel oder Maschinen sind sie aber machtlos. 

Der etwa taubengroße Vogel mit der typischen Federtolle auf dem Kopf legt in der Regel vier Eier, die jeweils mit der Spitze zueinander liegen. Das Nest ist lediglich eine Mulde im Boden, die mit einigen Grashalmen ausgepolstert ist. Weil Kiebitze schon Ende März auf den Gelegen sitzen, wenn das Riedgras noch niedrig ist, kann man sie schon von weitem sehen. Kaum geschlüpft, ducken sich die Jungen ins Gras oder werden von den Eltern in bessere Verstecke geführt. Bis zu fünf Wochen werden sie von den Altvögeln gefüttert, ehe sie flügge werden. Würmer, Raupen, Schnecken oder Spinnen bilden den Großteil der Nahrung. Im Vorarlberger Rheintal brüten Kiebitze nicht nur in Streuwiesen, der überwiegende Teil nutzt heute Äcker für ihr Brutgeschäft. 

Und was ist jetzt anders?

Eben dies: Besonders engagierten Menschen liegt die Erhaltung der Kiebitze am Herzen. Sie empfinden es als traurigen Verlust, wenn wieder eine Art aus unserer Heimatnatur verschwindet. Und so bemüht sich der Naturschutzbund seit mehr als zwanzig Jahren durch fachlich basierte Arbeit um die Erhaltung der letzten Brutkolonien. Bestes Beispiel ist das Auer Ried bei Lustenau. Jedes Jahr werden möglichst alle Nester erfasst und am Wegrand markiert. Das erfordert im März, April und Mai fast tägliche Kontrollen. Damit verbunden sind unzählige Gespräche mit Hundehaltern, Landwirten, Bikern und Drohnenpiloten. 

So ist das gelungen, was auch im Universumfilm über das Alpenrheintal gezeigt wurde: Ein Miteinander aller beteiligten Gruppen zum Schutz der Wiesenbrüter. Landwirte umfahren die Gelege, die von den Vogelschützern markiert wurden, Jäger verkleinern den Prädationsdruck durch Vierbeiner und begeisterte Besucher informieren jeden, der die Regeln noch nicht kennt. Diese schöne Geschichte hat dazu geführt, dass Kiebitze heute im Auer Ried und anderen Vorarlberger Riedgebieten erfolgreich brüten und in ihrem Lebensraum auch Braunkehlchen, Brachvögel, Feldschwirl, Schwarzkehlchen, Wachtelkönig oder Schafstelze wieder eine Chance haben, ihre Brutgeschäfte zu einem guten Ende zu bringen. 

Weil dies auch von Verantwortungsträgern erkannt wurde, erhielten Naturschutz und Jagd gemeinsam einen Biodiversitätspreis, der Ende November im Parlament verliehen wurde. Jawoll!! 

Günther Ladstätter,
2. Obmann des Naturschutzbundes Vorarlberg

Kiebitz-Küken  –  durch die gute Zusammenarbeit im Wiesenbrüterprojekt haben sie im Vorarlberger Rheintal gute Chancen, flügge zu werden. © Reinhard Hellmair  

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