Die Mehlschwalbe, Vogel des Jahres 2022

Sie sind so klein, dass sie leicht in eine Hand passen und haben trotzdem ständig den Schnabel offen, sei es um in großen Flügen Insekten zu fangen oder nach Herzenslust miteinander zu zwitschern. Die Mehlschwalbe ist der Vogel des Jahres 2022  - schwarzweiß gefärbt und als einzige Schwalbenart am weißen Bürzel leicht erkennbar.

Wohlbekannt sind auch die Nester der Mehlschwalben, die außen an den Häusern oder Ställen kleben, unterm Dach gut geschützt vor der Witterung. Diese Nester werden von beiden Schwalbeneltern gebaut. Dazu verwenden sie Lehm oder Matsch, den sie an feuchten Pfützen oder von kleinen Teichen sammeln. Mit Speichel vermischt, entsteht in mehrtägiger Bauzeit eine Halbkugel mit einem kleinen seitlichen Eingang. Weil die Nester weder Wind noch Regen ausgesetzt sind, bleiben sie oft über Jahre erhalten und entlassen ganze Mehlschwalbengenerationen in die Umgebung. An geeigneten Stellen finden sich oft so viele Nester, dass man von Kolonien sprechen kann. Im Herbst sammeln sich Alte und Junge auf Stromleitungen und Dächern, um dann gemeinsam nach Afrika zu ziehen, von der südlichen Sahara bis nach Kapstadt. Eine östliche Population zieht es nach China und Indonesien.

Nur wenige natürliche Feinde setzen den Mehlschwalben zu. Der Baumfalke erwischt die flinken Kleinen nur selten, und Katzen, Marder oder Ratten erreichen die Nester nur ausnahmsweise. Weil aber auf der langen Reise in den Süden Wüsten und Meere zu überqueren sind, weil Netzfallen die erschöpften Vögel erwarten oder ganz einfach die Nahrung fehlt, kommen viele Mehlschwalben nicht zurück. All diese Gefahren konnten den Bestand in den vergangenen Jahrhunderten kaum gefährden. Heute bedroht der Rückgang der Insekten die kleinen Flieger wie nie zuvor.

Aber Mehlschwalben sind flexibel. Heuer hat das erste Mehlschwalbenpaar die weite Reise nach Afrika ausgelassen und vermutlich aufgrund des Klimawandels in Spanien mit einer „Winterbrut“ begonnen. Ähnlich wie Mönchsgrasmücken, die es statt nach Afrika seit Jahren nach Südengland zieht, könnte auch bei den Mehlschwalben schon bald eine nachhaltige Verhaltensänderung stattfinden. Mit einem verkürzten Rückweg sind die Überlebenschancen bedeutend größer, die mitteleuropäischen Brutgebiete könnten früher besetzt werden und wer zuerst kommt hat die besten Nistplätze. Es könnte spannend werden bei Mehlschwalbens daheim.

Helfen könnte auch ein Umdenken in der Bevölkerung. Früher galten Schwalben am Haus als Glücksbringer. Jeder freute sich, wenn die kleinen Zwitscherer das Nest unter dem Dach bezogen. In den letzten Jahren wurden viele Nester, ja ganze Kolonien entfernt, weil der eine oder andere Kleckser an der Hauswand den Sauberkeits(wahn)sinn störte. Zudem finden die Vögel nur noch selten geeignetes Nistmaterial, also Lehm oder Schlamm, weil jede kleine Pfütze, jede Radspur weggesäubert wird. Die Bodenversiegelung trifft auch die Mehlschwalben.

Dieser Not lässt sich abhelfen! Kaum ein Vogel kann so einfach und nachhaltig unterstützt werden. In vielen Baumärkten, in Fachgeschäften und übers Internet kann jeder Hausbesitzer und jede Vogelliebhaberin künstliche Nisthilfen für Mehlschwalben erwerben. Im Doppelpack unter dem Dach angebracht, heißt es nur noch auf die Besiedler warten. Damit die Hauswände sauber bleiben, wird fünfzig Zentimeter unter dem Nest ein kleines Brett angebracht, schief, damit keine Tauben als Untermieter einziehen. Sicherlich finden sich überall begabte Heimwerker, die zu einer solchen Großtat in der Lage sind.

Ein wachsendes Interesse an den Vorgängen in der Natur, Freude an der Beobachtung, die Mitwirkung vieler Privatpersonen an citizen science Projekten und nicht zuletzt der Stolz über die erfolgreiche Unterstützung einer bedrohten Vogelart sind unterschiedliche Formen der Motivation. Wenn dann nach erfolgreichen Jahren die erfahrenen Mehlschwalbenschützer beisammen stehen und sich gegenseitig ihre besetzten Nester vorzählen, haben wir gewonnen. Wir alle.

Günther Ladstätter, | naturschutzbund | Vorarlberg

Foto: Hans Martin Berg

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