Der Star, Vogel des Jahres 2018

© Georg Dorff, NABU
 
A-lle Vögel sind schohon da, a-lle Vögel a-lle.
Welch ein Singen, Jubihiliern, Pfeifen, Zwitschern, Tirihiliern.
Früh-ling will nun einmaharschiern,
ko-mmt mit Sang und Scha-lle.
 
Wi-e sie alle lustihig sind, fli-nk und froh sich re-gen.
Amsel, Drossel, Fink uhund Sta-r
und die ganze Vogehelscha-r
wü-nschen dir ein frohehes Ja-hr,
lau-ter Heil und Se-gen.
 
 

Herzlichen Dank an Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der dieses Lied Anfang des 19. Jahrhunderts geschrieben und vertont hat. Denn mit diesem Text sind zumindest vier Vogelnamen in aller Munde. Wiewohl der Inhalt aus fachlicher Sicht einer leichten Überarbeitung bedürfte, denn Amsel und Buchfink bleiben ganzjährig bei uns, nur Drossel und Star sind erst im Frühling wieder da. In der dritten Strophe, selten gesungen, meint Heinrich von Fallersleben, wir sollten alle so fröhlich sein wie die Vögel und singen, springen und scherzen. Ob den Kirschen- und Weinbauern auch zum Singen und Scherzen zumute ist, wenn sich eine Wolke aus 100 000 Staren auf ihre Kulturen senkt, werden wir etwas später beleuchten.

© Marc Scharping, NABU

Der Star gehört zu den häufigsten Vogelarten der Welt und ist auf allen Kontinenten beheimatet. Seine weltweite Verbreitung verdankt er auch dem Menschen, der ihm in den USA, in Australien und in Südafrika Einbürgerungshilfe geleistet hat. So setzte 1891 ein Vogelliebhaber im Central Park in New York rund 100 Stare aus. Nur 50 Jahre später hatten sich die anpassungsfähigen Vögel über ganz Nordamerika verbreitet und brachten es bis Anfang der 1980er auf 200 Millionen Exemplare.

Es lohnt sich also, einen scharfen Blick auf Sturnus vulgaris zu werfen. Etwas kleiner als eine Amsel sind Männchen und Weibchen, mit spitzen Flügeln. Das Federkleid verändert sich im Laufe eines Jahres auffallend. Im Herbst nach der Mauser haben alle Federn weiße Spitzen. Dadurch erscheint der ganze Vogel weiß getupft. Bis zum Frühjahr sind die Federenden abgewetzt und die weißen Flecken großteils verschwunden. Jetzt sind die metallischen Farben des Prachtkleids sichtbar.

Glänzend herausgeputzt und mit lauter Stimme wirbt das Männchen um ein Weibchen. So mancher besonders kräftige Starenmann hat sogar zwei oder drei Weibchen. Ob die Vogeldamen auf sein Aussehen fliegen oder auf seinen Gesang, wissen wir nicht. Jedenfalls ist das Gesangsrepertoire eines Stars beachtlich, ist er doch in der Lage, Geräusche aus seiner Umgebung in die Strophen einzubauen. So kann man vergebens nach einem Mäusebussard Ausschau halten, dessen Miauen der Star ebenso nachahmt wie neuerdings die Klingeltöne von Handys, je nach dem wo er eben seine Balz vorträgt. Damit ist auch ein Hinweis auf seinen Lebensraum verbunden. Stare brüten beinahe überall! An den Siedlungsrändern ebenso wie in den Städten, in offenen Wäldern oder in Parkanlagen, in den Überkopfanzeigen der Autobahnen und im Starenhäuschen. Da sitzt er dann ganz in der Nähe seines Brutplatzes, zwitschernd und tirilierend, schlägt mit den Flügeln und sträubt die Federn. Das Nest, das immer in einer Höhlung liegt, ist mit Stroh, Gras und Federn ausgepolstert. Das Weibchen legt vier bis sechs türkisfarbene Eier, die sie 11 bis 13 Tage bebrütet. Die Jungen bekommen 17 bis 23 Tage alles verfüttert, was beide Eltern an Kleintieren erwischen können: Würmer, Insekten, Schnecken. Besonders gerne fliegen Stare auf frisch gemähte Wiesen und Weiden, wo sie leicht an ihre Beute kommen. Im Gegensatz zu Amseln hüpfen Stare nicht, sondern sie trippeln bei der Futtersuche über den Boden.

© Zdenek Tunka, NABU

Kaum sind die Jungen flügge, finden sie sich in Schwärmen zur Nahrungssuche und an den Schlafplätzen ein. Im ersten Lebensjahr fehlt ihnen noch der metallische Glanz, das Gefieder ist unscheinbar erdbraun.

Im Herbst passen die Stare ihre Ernährungsweise den Angeboten an. Dann verzehren die Schwärme Kirschen und Weintrauben, Äpfel und Oliven. Dass sich die Begeisterung der Landwirte in engen Grenzen hält, versteht sich. Nach Jahren der Abwehr mit Schüssen, abgerichteten Greifvögeln oder Kleinflugzeugen, den sogenannten„Starfightern“, ist man heute vorwiegend auf den Schutz der Früchte übergegangen. In weiten Gebieten hängen Netze über Trauben und Kirschen, sodass sich die Schäden eher in Grenzen halten.
 
 
Seit vielen Jahren nutzt die Starenwelt einen neuen Supermarkt. Auf den Müllbergen der Menschen lassen sich auch im Winter beträchtliche Nahrungsmengen finden. Kein Wunder also, wenn einige der anpassungsfähigen Vögel sogar im Winter bei uns bleiben und den langen Flug in den Mittelmeerraum vermeiden. Auch die milden Winter in England haben sich bei den Staren herumgesprochen, sodass Vögel aus den Niederlanden vermehrt statt nach Süden jetzt nach Norden ziehen. Dennoch bleiben die meisten Stare ihren altbewährten Zugwegen treu und verbringen den Winter in Italien, Spanien oder Marokko. Da die Temperaturen in den großen Städten etwas milder sind als im freien Gelände, treffen jeden Abend hunderttausende Stare in Rom ein, um dort die Nacht zu verbringen – und um ihr Geschäft zu erledigen!
 
© Michael Dvorak

Wer dann unter einem Schlafbaum sein Auto abgestellt hat, erkennt es am Morgen vielleicht nicht sofort wieder. Als Entschädigung kann man dafür die spektakulären Flugmanöver der Starenschwärme beobachten, die der Verwirrung ihrer natürlichen Feinde dienen. Die ungeheure Menge der Vögel auf engstem Raum erschwert Wanderfalken, Habichten, Sperbern und Baumfalken den Zugriff. Solche Wolken mit bis zu 100 000 Staren konnte man Anfang der Neunzigerjahre auch im Vorarlberger Rheindelta bewundern. Seither nimmt die Zahl der Vögel, die im Schilf die Nacht verbringen, kontinuierlich ab. 1997 waren es noch 10 000 und 2008 verließen gerade noch 2000 Stare ihren Schlafplatz im Schilf. Die Auswirkungen der Schließung der offenen Mülldeponien Ende der Neunzigerjahre sind klar ersichtlich.

 

Experten schätzen den Bestand des Stars in Vorarlberg derzeit auf 4000 bis 5000 Brutpaare. Da in aufwändigen flächendeckenden Untersuchungen alle Brutvögel Vorarlbergs erfasst wurden (Atlas der Brutvögel Vorarlbergs, 2011), sind diese Zahlen als sehr realistisch einzustufen. Stare besiedeln mit Ausnahme der Gebirgsregionen über 1200 Metern Seehöhe alle Landesteile. Die meisten Paare brüten in den Siedlungsräumen der Tallagen, in Baumlöchern, Höhlungen an Gebäuden und Nistkästen. Auch heute bringen viele Vogelfreunde Nisthilfen an ihren Häusern oder im Garten an. Sie erfreuen sich am Gesang und beobachten gerne die Vögel während des Brutgeschäfts. Das war nicht immer so. Bis ins 19. Jahrhundert brachten die Menschen im ländlichen Raum Nistkästen für Stare in der Nähe ihrer Häuser an, um die fetten Jungstare als Aufbesserung ihrer kärglichen Nahrung zu verwerten. Vielerorts wurden Stare frei in den Wohnungen gehalten, um jederzeit Zugriff auf sie zu haben. Der Schutz der Singvögel ist eine Errungenschaft der Neuzeit, in der die meisten Menschen Mitteleuropas keinen Hunger mehr leiden müssen.

© Manfred Waldinger

Warum aber wird ein Vogel, der in keiner Weise vom Aussterben bedroht ist, ja im Gegenteil durch seine wolkenartigen Schwärme immense Schäden an Obstkulturen anrichten kann, zum „Vogel des Jahres“ gewählt? Die Entwicklung der Bestandszahlen zeigt, dass von ursprünglich 100 000 nächtigenden Vögeln heute noch 2000, also zwei Prozent übrig sind. Auch europaweit gehen die Zahlen zurück.

Es geht den Verantwortlichen im Vogelschutz darum, aufmerksam zu machen, dass sogar ein Allrounder wie der Star Mühe hat, den Bestand zu halten. Stare ernähren sich im Frühjahr von Insekten und deren Larven, sie fressen Engerlinge und Maulwurfsgrillen, die wiederum großen Schaden anrichten können.

 

Dennoch ist es ein Gebot der Zeit, sich nicht nach den Parametern „Nutzen“ und „Schaden“ zu richten. Stare sind Teil der einheimischen Vogelwelt. Sie haben ihren Platz im Gesamtgefüge der Natur und damit ein Recht zu leben. Sonst sind irgendwann wirklich nicht mehr „alle Vögel da“.

Günther Ladstätter, | naturschutzbund | Vorarlberg

 

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