Zugvögel: Fernreise oder doch lieber Kurzstreckenflug?

Naturschutzbund zum Weltzugvogeltag am 10. Oktober 2026

Wenn im Herbst die Zugvögel von ihren mitteleuropäischen Brutgebieten in ihre Winterdestinationen aufbrechen, denkt man schnell an Fernreisen bis mindestens ins subsaharische Afrika. Doch nicht jeder gefiederte Weltenbummler legt auf der Suche nach einem passenden Winterquartier Tausende Kilometer zurück: Kurz- und Mittelstreckenzieher bevorzugen deutlich kürzere Reisen und steuern zum Überwintern den Mittelmeerraum an.

Ob ein Vogel im Herbst wegzieht, hängt weniger von der Kälte als von den verfügbaren Nahrungsquellen ab. Insekten verschwinden, der Boden friert zu und Schnee erschwert die Nahrungssuche.

© Hans Glader

Unterschiedliche Reisegewohnheiten
Während Langstreckenzieher wie Gartenrotschwanz, Kuckuck oder Rauchschwalbe aus genannten Gründen bis südlich der Sahara fliegen, bleiben andere wesentlich näher an ihren Brutgebieten, sofern sie ausreichend Nahrungsressourcen vorfinden. Kurzstreckenzieher legen meist weniger als 2.000 Kilometer zurück und überwintern vor allem in West- und Südeuropa oder im Mittelmeerraum. Sie reagieren dabei flexibel auf milde Winter und verbleiben teils sogar in der Nähe oder direkt in ihren Brutgebieten, sofern es die klimatischen Bedingungen zulassen. Mittelstreckenzieher fliegen meist weiter, häufig bis nach Nordafrika, in den Nahen Osten oder den nördlichen Rand der Sahara. Ihr Zugverhalten ist weniger flexibel und stärker festgelegt als jenes der Kurzstreckenzieher. Der Vogelzug gestaltet sich damit auch weitaus vielfältiger als eine „klassische Reise“ der Langstreckenzieher nach Afrika.

Kurz- und Mittelstreckenzieher mit unterschiedlichen „Reiseschwerpunkten“
Mäusebussard, Singdrossel, Hausrotschwanz und Star zeigen, wie unterschiedlich sich die Reise in die Wintergebiete bei Kurz- und Mittelstreckenziehern gestalten können:

Der Mäusebussard (Buteo buteo) beispielsweise ist in Österreich ganzjährig anzutreffen: Im Winter gesellen sich zusätzliche Tiere aus nördlicheren und östlicheren Regionen Europas zu den „Standvögeln“ hinzu, die den Winter ebenfalls in ihren Brutgebieten verbringen. Einige Tiere, die in Österreich brüten, brechen hingegen in den Süden auf. Sie finden in den offenen Kulturlandschaften Südeuropas auf Wiesen, Feldern und Brachen gute Jagdmöglichkeiten vor – der Hauptgrund dafür, dass die Kurzstreckenzieher diese beschwerliche Reise antreten.

Der Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros) ist flexibler: Viele Tiere ziehen in Richtung Mittelmeergebiet und legen dabei sowohl kurze als auch mittlere Strecken zurück. Mittlerweile gibt es auch einzelne Individuen, die in Österreich überwintern und dabei unter anderem felsige, sonnenexponierte Bereiche sowie Siedlungsräume nutzen.

Die Singdrossel (Turdus philomelos) – ebenfalls ein Kurz- bis Mittelstreckenzieher – verbringt den Winter überwiegend in Südwesteuropa oder Nordafrika, wo strukturreiche Landschaften mit Gehölzen, Gebüschen und fruchttragenden Sträuchern wichtige Nahrungsräume bieten.

Auch beim Star (Sturnus vulgaris) zieht nur ein Teil der Population in den Süden. Viele Individuen verbringen den Winter in Südwest- und Südeuropa oder Nordafrika und nutzen dort vor allem offene Kulturlandschaften, Wiesen, Äcker und Obstbaugebiete. Seine großen Schwärme und seine gemeinschaftlichen Schlafplätze in Gehölzen oder Schilfbeständen machen ihn zu einem besonders auffälligen Zugvogel.

„Gut ausgestattete“ Rastplätze bzw. Reiseziele sind essenziell
Auch die Vögel, die die Sahara nicht überqueren, sind auf ein funktionierendes Netz geeigneter Lebensräume angewiesen. Feuchtgebiete, naturnahe Wiesen, Äcker, Hecken, Gehölze und strukturreiche Kulturlandschaften dienen Zugvögeln als Rastplatz, Nahrungsraum oder Winterquartier. Gehen diese Lebensräume verloren, kann selbst eine vergleichsweise kurze Reise zur tödlichen Herausforderung für die Vögel werden. Da viele Kurz- und Mittelstreckenzieher dort überwintern, wo Langstreckenzieher ihre Rastplätze haben, ist der Schutz dieser Lebensräume umso wichtiger.

Zugvogelfotos teilen!
Wenn man im Herbst Mäusebussarde, Stare, Singdrosseln, Hausrotschwänze und andere Zugvögel beobachtet, bittet der Naturschutzbund gemeinsam mit „Tierisch engagiert“, einer Initiative von Fressnapf, die Sichtungen via Foto auf www.naturbeobachtung.at oder über die gleichnamige App zu teilen. Die Beobachtungsdaten helfen dabei, Veränderungen von Vorkommen und Zugzeiten über längere Zeiträume sichtbar zu machen. Denn egal ob die Reise nur einige hundert Kilometer oder bis auf einen anderen Kontinent führt: Jede geteilte Vogelbeobachtung trägt dazu bei, die Wanderungen unserer gefiederten Freunde besser zu verstehen.

 

07.10.2026

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