Mit dem voranschreitenden Frühling beginnt in Österreich wieder die traditionelle Zeit des Almauftriebs. In vielen Regionen werden Schafe, Ziegen und Rinder seit Generationen vor dem Auftrieb gesegnet – zum Schutz vor Krankheiten, Unfällen und Unwettern. Doch gerade auf Almen zeigt sich: Den wirksamsten Schutz bieten vor allem gute Behirtung und moderner Herdenschutz.
Studie zeigt: Herdenschutz in den Alpen ist möglich
Eine aktuelle wissenschaftliche Studie der Veterinärmedizinischen Universität Wien zeigt nun, dass Herdenschutz für Schafe und Ziegen auch in den österreichischen Alpen grundsätzlich möglich ist. Die Untersuchung analysierte erstmals systematisch die Schutzmöglichkeiten auf allen österreichischen Almen mit Schaf- und Ziegenhaltung. Das Ergebnis: Für sämtliche Schafe und Ziegen auf Österreichs Almen gäbe es ausreichend schützbare Flächen – etwa durch Behirtung mit Nachtpferch und Herdenschutzhunden oder durch Elektrozäune.
Für die Studie entwickelten die Forschenden einen Algorithmus, der für jede einzelne Alm geeignete Herdenschutzmaßnahmen berechnet. Berücksichtigt wurden dabei unter anderem Hangneigung, Vegetation, Flächennutzung, Herdengröße und vorhandene Weidekapazitäten. Zusätzlich wurden 22 Almen vor Ort überprüft, um die Berechnungen zu validieren.
Schutz machbar – aber organisatorisch anspruchsvoll
Die Ergebnisse zeigen, dass bereits heute ein großer Teil der Schafe und Ziegen auf ihren Almen geschützt werden könnte und darüber hinaus zusätzliche Kapazitäten auf geeigneten Flächen vorhanden sind, ohne größeren Weidetieren Platz wegzunehmen. Die Studie kommt damit zum klaren Schluss, dass Herdenschutz für kleine Wiederkäuer in Österreich technisch machbar ist – auch im alpinen Gelände.
Für kleine Wiederkäuer auf nicht schützbaren Almen wären zwar ausreichend alternative Weideflächen vorhanden, eine Verlagerung bringt jedoch erhebliche institutionelle und gesellschaftliche Herausforderungen mit sich. Fragen zu Verträgen, Weiderechten, Akzeptanz unter Bewirtschafter*innen, Transportlogistik und Biosicherheit müssen gelöst werden. Aus Sicht des Naturschutzes braucht es daher neben finanzieller Unterstützung für Zäune, Behirtung und Herdenschutzhunde auch gezielte Beratungs- und Koordinationsprogramme in den Agrarabteilungen der Länder, um praktikable Lösungen für die Almwirtschaft zu ermöglichen.
Behirtung schützt vor vielen Gefahren
„Gerade zur Zeit des Almauftriebs wird sichtbar, wie wichtig die Verantwortung für Weidetiere ist. Traditionelle Segnungen haben ihren kulturellen Wert – den tatsächlichen Schutz bieten aber vor allem Menschen, die sich um die Herden kümmern, Tiere beaufsichtigen und moderne Herdenschutzmaßnahmen umsetzen“, betont Lucas Ende, Artenschutzkoordinator beim Naturschutzbund Österreich. „Die Anwesenheit von Hirtinnen und Hirten ermöglicht zudem, Krankheiten oder Verletzungen frühzeitig zu erkennen und Weidetiere bei schlechtem Wetter rechtzeitig in sichereres Gelände zu bringen.“
Mehr Unterstützung für Almbäuerinnen und Almbauern nötig
Gleichzeitig weist die Studie darauf hin, dass Herdenschutz zusätzliche Arbeit und Kosten verursacht. Behirtung, Zäune und Herdenschutzhunde benötigen langfristige finanzielle Absicherung sowie praxisnahe Beratung. Derzeit werden entsprechende Maßnahmen in Österreich nur teilweise gefördert. Die Forschenden empfehlen daher einen deutlichen Ausbau der Unterstützung für Almbäuerinnen und Almbauern.
Aus Sicht des Naturschutzbundes zeigt die Studie klar: Der Schutz von Almtieren und die Rückkehr großer Beutegreifer sind vereinbar. Voraussetzung dafür ist eine verantwortungsbewusste Agrarpolitik. Letztendlich stärkt Herdenschutz die Sicherheit der Weidetiere und damit eine zukunftsfähige Almwirtschaft.
27.05.2026