Der Neusiedler See ist Österreichs wichtigstes Gebiet für überwinternde Wildgänse. Doch nicht jede Gans bleibt den Winter über hier. Der Naturschutzbund wirft einen Blick auf Ökologie und Beobachtungsmöglichkeiten unserer gefiederten Riesen und rückt ihre Bedeutung in den Fokus – jenseits des traditionellen Ganslessens am Martinstag und der literarischen Abenteuer des kleinen Nils Holgersson.
Wenn im Herbst die Tage kürzer werden, sammeln sich Wildgänse an Österreichs Seen, Feuchtgebieten und offenen Feldern. Einige ziehen weiter Richtung Süden, andere bleiben den Winter über hier. Besonders das Gebiet rund um den Neusiedler See und den Seewinkel zählt zu den bedeutendsten Rast- und Überwinterungsgebieten des Landes.
Zu den regelmäßigen Wintergästen gehört die Graugans (Anser anser). Das Neusiedler-See-Gebiet ist ihr wichtigstes Brut-, Rast- und Überwinterungsgebiet in Österreich. Ob die Tiere dort überwintern oder weiter nach Mittel- und Norditalien ziehen, hängt unter anderem von der Witterung und den verfügbaren Nahrungsflächen ab. Auch die Blässgans (Anser albifrons) tritt hier regelmäßig in größerer Zahl auf. Ihr Überwinterungsgebiet erstreckt sich über weite Teile West- und Zentraleuropas. Seltene Gäste wie die Zwerggans (Anser erythropus) oder die Kurzschnabelgans (Anser brachyrhynchus) sind dagegen nur in kleiner Zahl beziehungsweise unregelmäßig zu beobachten.
Wildgänse sind mehr als ein eindrucksvolles Naturschauspiel
Als Pflanzenfresser beeinflussen Wildgänse die Vegetation, tragen zur Verbreitung von Pflanzensamen bei und sind Teil komplexer Nahrungsnetze. Durch ihre Beweidung können sie zur Entstehung und Erhaltung wertvoller Lebensräume beitragen, etwa von kurzrasigen Feuchtwiesen, offenen Uferbereichen und bestimmten Grünlandgesellschaften. Ihre ökologische Bedeutung reicht damit weit über die weithin sichtbaren Schwärme hinaus.
Auch in der Literatur haben Wildgänse einen besonderen Platz: In Selma Lagerlöfs Klassiker „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ wird die Reise mit einem Gänseschwarm zu einer Entdeckungsreise durch die Landschaften und die Tierwelt Schwedens. Was das Buch literarisch vermittelt, lässt sich auch in der Natur beobachten: Vögel verbinden Lebensräume über große Entfernungen hinweg.
Die Wildgans – abseits des Gaumenschmauses
Wildgänse werden hierzulande nicht nur beobachtet, sondern teilweise auch als Wildbret genutzt. Insbesondere rund um den Martinstag am 11. November ist das Ganslessen ein weitverbreiteter Brauch mit historischen Wurzeln. Im Jagdjahr 2025/2026 wurden laut den vorliegenden Angaben zur Statistik Austria insgesamt rund 1.700 Wildgänse in Österreich erlegt. Das entspricht einem Anstieg von 4,6 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Jagdjahr. Wildgänse gehörten damit zu den wenigen Federwildarten, bei denen die Abschusszahlen in dieser Saison leicht gestiegen sind. Diese Zahlen dokumentieren allerdings die Abschüsse, nicht den tatsächlichen Verzehr. „Wildgänse sind Teil unserer heimischen Artenvielfalt und erfüllen essenzielle ökologische Funktionen. Wer sie beobachtet, entdeckt eine faszinierende Seite unserer Natur. Wildgänse glänzen nicht nur aufgrund ihres spannenden Zugverhaltens, sondern auch durch ihr ausgeprägtes Sozialverhalten, das schon Konrad Lorenz intensiv erforschte. Ihr starker Familienzusammenhalt und ihre meist lebenslange, monogame Paarbindung sind nur zwei von vielen weiteren spannenden Facetten dieser faszinierenden Art“, sagt Carolina Trcka-Rojas, Expertin beim Naturschutzbund Österreich.
Wann & wo man Wildgänse am besten beobachten kann
Die besten Chancen, größere Ansammlungen von Wildgänsen zu beobachten, bieten Feuchtgebiete und offene Nahrungsflächen in Gewässernähe. Besonders interessant sind der Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel, die Donau-March-Auen und das Rheindelta am Bodensee. Auch die Unteren Innstauseen in Oberösterreich und das Vogelparadies Weidmoos in Salzburg sind lohnende Ziele für die Vogelbeobachtung. Von Oktober bis Februar stehen die Chancen grundsätzlich gut, durchziehende und überwinternde Gänse zu entdecken. Besonders in den frühen Morgenstunden und am Abend lohnt sich der Blick zum Himmel: Dann wechseln die Tiere häufig zwischen ihren Schlafgewässern und den Nahrungsflächen. Wie viele Gänse tatsächlich anzutreffen sind, hängt von der Witterung, dem Nahrungsangebot und möglichen Störungen ab. „Wer Wildgänse im Winter beobachtet, erlebt nicht nur ein eindrucksvolles Naturschauspiel, sondern auch ein Stück europäischer Vogelwanderung. Die Tiere machen sichtbar, wie eng unsere Landschaften mit anderen Regionen Europas verbunden sind. Der Schutz geeigneter Rast- und Überwinterungsgebiete kommt deshalb nicht nur einzelnen Vogelarten zugute, sondern ganzen Lebensgemeinschaften“, so Trcka-Rojas.
Vogelbeobachtungen teilen – Forschung unterstützen
Der Naturschutzbund lädt dazu ein, Vogelbeobachtungen fotografisch festzuhalten und auf seiner Citizen-Science-Plattform www.naturbeobachtung.at oder über die gleichnamige App zu teilen. Die gemeldeten Beobachtungen werden von Expert*innen ausgewertet und helfen, Vorkommen und Verbreitung von Vogelarten besser zu dokumentieren und Veränderungen über die Zeit zu erkennen.
04.11.2026