Mensch und Wolf - Zusammenleben ist möglich

Gespräche und Herdenschutz braucht es für ein gutes Zusammenleben

© Josef Limberger

Der Wolf ist nach 150 Jahren zurück in Österreich. 17 bis 20 Tiere sind es nach Schätzung von Experten derzeit. Das einzige Rudel lebt im Niederösterreichischen Allentsteig, der Rest sind Einzeltiere, meist auf Wanderschaft und der Suche nach einem Partner. Begegnungen zwischen Wolf und Mensch sind äußerst seltene Ausnahmen, die Anwesenheit der Tiere wird fast ausschließlich mit Wildtierkameras sowie durch Risse von Weidetieren sichtbar. Diese zeigen, dass wir während der langen Abwesenheit der Wölfe verlernt haben, mit ihnen zu leben und die Weidetiere wirkungsvoll zu schützen. Der Naturschutzbund hat Vertreter aller betroffenen Gruppen an einen Tisch geholt, um gemeinsam Lösungen zu finden, die für alle tragbar sind.

Der größte Teil der Österreicher befürwortet die Rückkehr des Wolfes. Gleichzeitig sorgt sie vor allem bei Weidetierhaltern für Aufregung, Ängste und oft auch Ablehnung. Mit seinem „Dialogforum Wolf“ hat der Naturschutzbund Vertreter aller betroffenen Gruppen – von der Landwirtschaft über Tourismus und Jägerschaft bis zum Naturschutz – zum Gespräch geladen. „Unser erstes Ziel war es dabei, für eine klare Faktenlage zu sorgen und Gerüchte aus der Welt zu schaffen. Nur, wenn sich alle auf dasselbe Wissen stützen, kann man beim Miteinander-Reden weiterkommen“, ist Naturschutzbund-Geschäftsführerin Birgit Mair-Markart überzeugt.

Auf folgende sechs Punkte als Basis für weitere Diskussionen konnte man sich beim „Dialogforum Wolf“ einigen:

  1. Der Wolfsbestand in Europa hat durch nationale und internationale Schutzmaßnahmen sowie durch veränderte Habitatfaktoren zugenommen. Darauf basiert die natürliche Zuwanderung der Wölfe nach Österreich.
  2. Die Diskussion über die Wölfe wird oft sehr emotional geführt. Diese Emotionen müssen respektiert werden. Um gemeinsam an Lösungen arbeiten zu können, ist aber auch eine auf objektiven Daten und Tatsachen basierende Diskussion unabdingbar. Dazu braucht es eine staatliche Stelle, die die Daten über die Wölfe in Österreich sammelt und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellt.
  3. Als Nahrungsopportunisten erbeuten Wölfe auch Nutz- und Haustiere. Ein konfliktarmes Zusammenleben zwischen Wolf und Mensch ist nur dann möglich, wenn im Freiland gehaltene Nutztiere durch entsprechende Maßnahmen geschützt werden. Dazu müssen die dafür nötigen Strukturen geschaffen werden.
  4. Wirtschaftliche Schäden und zusätzliche Aufwendungen, die durch Wölfe entstehen, müssen von der öffentlichen Hand abgegolten und dürfen nicht alleine auf die betroffenen Bevölkerungsgruppen abgewälzt werden. Dafür sollte die rechtliche Basis einheitlich für ganz Österreich geschaffen werden und die Abwicklung im Schadensfall sollte aus Sicht der Betroffenen einfach und rasch erfolgen. Dazu sind Strukturen nötig, die eine einfach, unkomplizierte und praktikable Beweisführung ermöglichen.
  5. Einzelne Wölfe können unter besonderen Umständen eine Gefahr für den Menschen darstellen.
  6. Mischlinge zwischen Wölfen und Hunden sind in Österreich bisher nicht nachgewiesen worden. Bei Verdacht braucht es die genetische Analyse eines akkreditierten Labors und diese nachgewiesenen Mischlinge müssen entsprechend dem Managementplan entnommen werden.

„Das ‚Dialogforum Wolf‘ gibt uns die Gelegenheit, in respektvoller Atmosphäre Wissen und Meinungen auszutauschen. Die grundsätzlichen Haltungen der einzelnen Interessensgruppen sind allerdings sehr unterschiedlich, was eine gemeinsame Lösung erschwert“, sagt Herbert Sieghartsleitner, Landesjägermeister-Stv. von Oberösterreich. „Das Wild kann von Natur aus recht gut mit dem Wolf umgehen. Heutzutage hat es aber in unserer stark zerschnittenen Landschaft nur sehr eingeschränkte Fluchtmöglichkeiten. Deshalb sehen wir als Jägerschaft die Rückkehr dieses Beutegreifers durchaus als Problem.“

Nur mit Herdenschutz funktioniert das Zusammenleben mit dem Wolf

Der Naturschutzbund bekennt sich zum Schutz der großen Beutegreifer als Teil der natürlichen Artenausstattung Österreichs und begrüßt daher auch die Rückkehr des Wolfes. Gleichzeitig setzt er sich dafür ein, dass betroffene Personen und Gruppierungen, allen voran die Almbauern und -bäuerinnen, Unterstützung bekommen.

„In allen Ländern rund um Österreich leben Wölfe. Allein deshalb wäre ein Abschuss der Tiere in Österreich sinnlos, da weitere Wölfe nachwandern würden. Den einzigen wirkungsvollen Schutz für Weidetiere kann nur bewährter Herdenschutz bieten, damit kann auch das Zusammenleben mit dem Wolf funktionieren“, sagt Leopold Slotta-Bachmayr der das Naturschutzbund-Projekt zur Akzeptanzförderung des Wolfs leitet.

Wir müssen uns wieder auf alte Traditionen zum Schutz der uns anvertrauten Haustiere besinnen. Nur so können Zwischenfälle verhindert werden. Herdenschutzhunde sind dabei ebenso ein erprobtes Mittel wie bestimmte Elektrozäune. Langjährige Erfahrungen unserer Nachbarländer zeigen, dass diese Methoden bei richtiger Durchführung Schafe, Ziegen und Rinder effektiv schützen. So gab es laut einer Recherche der European Wilderness Society im Schweizerischen Calanda-Gebiet keinen einzigen nachgewiesenen Schaden in den letzten Jahren – seit die Schutzmaßnahmen lückenlos umgesetzt wurden.

„Als Schafbauer habe ich auch keine Freude mit der Rückkehr des Wolfes. Durch den hohen Schutzstatus werden sie sich auch in Österreich wieder ansiedeln. Ohne Schutzmaßnahmen wird es dann keine Nutztierhaltung im Freiland mehr geben. Je nach Gegebenheit wird man mit verschiedenen Möglichkeiten wie Schutzzäune, Nachtpferch, Behirten oder dem Einsatz von Herdenschutzhunden arbeiten müssen. Bei der Kombination von Elektrozäunen und dem Einsatz von Herdenschutzhunden kommt kaum ein Wolf daran vorbei“, sagt Georg Höllbacher, Leiter der Nationalen Beratungsstelle für Herdenschutz, selbst Schafbauer und ebenfalls Vertreter im Dialogforum des Naturschutzbundes.

Effektiver Herdenschutz ist jedoch aufwändig. Der Naturschutzbund fordert deshalb staatliche Unterstützung für die österreichischen Bauern, so wie es die EU bereits vorschlägt und wird sich weiterhin um den Dialog mit allen bemühen.

Der Wildbiologe Leopold Slotta-Bachmayr sagt abschließend: „Die Rückkehr des Wolfes wird nicht so sehr durch die Art des Lebensraums oder die Nahrungsverfügbarkeit bestimmt. Viel wichtiger ist die Einstellung der Menschen. Dort, wo der Mensch ihn lässt, kommt der Wolf zurück.“

© Mit Genehmigung der European Wilderness Society

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