„Keine Alimente für diese Bastardprojekte“

Erinnerungen an einen der Propheten der Mitgeschöpflichkeit aus Wien, den Stararchitekten Victor Gruen, der die Gier des Kapitals unterschätzte

Er war vermutlich der einflussreichste Architekt des 20. Jahrhunderts und gilt als Erfinder der Shopping-Malls und der Fußgängerzone: Victor Gruen (1903 – 1980). Sein Interesse  lag aber  immer darin, die Stadt als lebenswerten Raum für Menschen zu gestalten, und er bewies schon zu seiner Zeit Nachhaltigkeit.  Seine Vaterschaft an den Shopping-Centern lehnte er allerdings später klar ab: „Ich weigere mich, Alimente für diese Bastardobjekte zu zahlen. Sie haben unsere Städte zerstört“. Über seine Verdienste und Leistungen berichtete der Präsident des Wiener Naturschutzbundes, Peter Weish,  in Vertretung des beruflich verhinderten Bernd Lötsch am 10. April in einem Referat beim Wiener Naturschutzbund.

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Gruen, einer der Vordenker der ökologischen Stadtentwicklung, wurde am 18. Juli 1903 als Victor David Grünbaum in Wien geboren. 1938 gelang ihm und seiner Frau in letzter Minute die Flucht vor der Gestapo in die USA. Nach anfänglichen Versuchen als Bühnendesigner am Broadway bekam er bald von österreichischen Geschäftsleuten Aufträge, ihre Shops in New York neu zu gestalten. Schon damals entwickelte er seine aufs Notwendigste reduzierte Formensprache, die in jeder Größenordnung einsetzbar ist – sowohl in der Innenarchitektur als auch in der Stadtplanung. Bald folgen größere Aufträge.

Seine Vision, Auto und Konsumenten zu trennen sowie Konsumzentren und soziale Einrichtungen zusammen zu führen, scheiterte allerdings nach wenigen Jahren, so Weish. Denn die amerikanischen Innenstädte verwaisten durch die von Gruen geplanten Einkaufszentren. Die weiße Mittelschicht schuf sich ihren eigenen Mikrokosmos in  den Vorstädten.  Außerdem wurden die Zentren in den Augen Gruens zu reinen „Verkaufsmaschinen“ degradiert. Der soziale Gedanke rückte in den Hintergrund, Kindergarten & Co sowie kulturelle Einrichtungen verschwanden bald aus den Konsumtempeln. „Die Geister, die ich gerufen hatte,  überwucherten in unheilvoller Weise die ganze Welt“, resignierte Gruen, der die Gier des Kapitals unterschätzt hatte.

Ende der 60erJahre kehrte der Stararchitekt nach Österreich zurück und ließ sich in Wien nieder. Hier nahm er den Kampf gegen das Auto, für Fußgängerzonen und eine belebte Innenstadt auf. 1973 gründete der Heimkehrer das „Zentrum für Umweltplanung“, bereits 1977 schlug Victor Gruen eine raschere Verbreitung der Sonnenenergie und Erdwärme in Österreich vor. Als Städteplaner versuchte er seine ökologischen Ideen umzusetzen, u.a. empfahl er die gesamte Wiener Innenstadt als Umweltoase mit Fußgängerzone zu adaptieren. In seiner Charta für Wien finden sich die Grundlagen einer ökologisch verträglichen und menschengerechten Stadtentwicklung. Viele Ideen sind bis heute gültig. In Wien sind Projekte wie Donauinsel, Stadtentwicklung, die 1974 eröffnete Fußgängerzone in der Kärntner Straße oder die Citybusse auf ihn zurückzuführen.

Victor Gruen, der von Kommunalverwaltungen in aller Welt als profunder „Urbanist“ in wertvolle und stets bedrohte Innenstadtensembles eingeladen wurde –  eine seiner Thesen lautete „Wir wollen keine ‚verkehrsgerechte Stadt‘, sondern den ‚stadtgerechten Verkehr‘ -  starb am 14. Februar 1980 in Wien.

Informationen:
Univ. Prof. Dr. Bernd Lötsch, b.lotsch@gmx.at  und Univ. Doz. Dr. Peter Weish, peter.weish@univie.ac.at

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