Auf dem Weg zu „ Bienenstädten“?

Chemisch-synthetische Pestizide sollen Pflanzen schützen und unerwünschtes „Unkraut“ fernhalten. Aber Insektizide, gegen Schädlinge eingesetzt, schaden auch Bienen, Schmetterlingen und Co. Umweltschützer in aller Welt setzen  daher auf biologische Alternativen zum Schutz der Insektenvielfalt, die einen wichtigen Baustein unseres Ökosystems darstellt.

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So haben sich in  der Bundesrepublik Deutschland bereits 460 Städte und Gemeinden dafür entschieden, „Bienenstädte“ zu sein oder zu werden.  Also ihre Grünflächen ohne Pestizide  oder mindestens ohne Glyphosat zu bewirtschaften. Diese „Leuchtturmprojekte“, die vom BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) unterstützt werden, haben übrigens bereits Tradition: Es gibt bei unseren Nachbarn bereits über 230 pestizidfreie Städte wie zum Beispiel  Karlsruhe oder Saarbrücken, wo man schon vor über 20 Jahren weitgehend auf den Einsatz von Pestiziden verzichtete.

Seit einiger Zeit versucht man nun auch in Österreich diesen Weg zu gehen. So hat die Stadt Wien bereits im Sommer 2019 gemeinsam mit den Fachdienststellen der Stadt, der Umweltanwaltschaft, dem Ökosozialen Forum Wien und der Bioforschung Austria eine neue Plattform gegründet, die die Pestizidreduktion weiter vorantreiben sollte. Die Probleme mit dem Corona-Virus haben die Bemühungen allerdings etwas gebremst. Man darf dabei aber nicht übersehen, dass die Stadt Wien schon seit längerem auf natürlichen , biologischen Pflanzenschutz setzt. Etwa bei der Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners. Am Weingut Cobenzl, wo der Traubenwickler als häufiger Schädling bei Weinreben auftritt, wird nicht mehr chemisch bekämpft, sondern schlicht und einfach mit einer Duftwolke aus Pheromonen (Sexualduftstoffe) „verwirrt“. Und im Palmenhaus der MA42 in Hirschstetten werden australische Marienkäfer zur Wolllausbekämpfung eingesetzt. Auf glyphosathaltige  Pestizide wird bei den Stadtgärtnern generell verzichtet, Unkraut wird mechanisch entfernt. Auch der Forst- und Landwirtschaftsbetrieb der Stadt Wien und die Wiener Linien setzen den umstrittenen Wirkstoff nicht ein. Ebenso werden die Flächen der Wiener Netze glyphosatfrei gepflegt.

Neueste Entwicklung: Im Juni 2020 wurde vom Wiener Landtag die „Wiener Wald- und Wiesen-Charta“ beschlossen. Sie enthält 12 Leitsätze mit entsprechenden Erläuterungen und beispielhaften Schlüsselmaßnahmen für die großen grünen Landschaftsräume in und um Wien. Ergänzend gibt es drei weitere Aktionspläne, u.a. das Artenvielfalt-Projekt „Netzwerk Natur II“ und die Initiative „Pestizidreduktion in Wien“.

Wie schaut es in  den Bundesländern aus? GREENPEACE hat im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht, die sich allerdings nur mit Glyphosat beschäftigt. Die Ergebnisse:

  •  700 österreichische Gemeinden haben Glyphosat bereits von ihren Spielplätzen, Parks und Straßen verbannt.
  •  In Niederösterreich verzichten mit 61 Prozent die meisten Gemeinden auf das Pestizid.
  •  Auf Platz zwei  landeten im Greenpeace-Ranking ex aequo Kärnten und Vorarlberg mit jeweils 36 Prozent.
  •  Im Mittelfeld befinden sich Salzburg (29 Prozent) , das Burgenland (27 Prozent) und Oberösterreich (22 Prozent).
  •  Die letzten Plätze belegen die Steiermark (18 Prozent) und Tirol (14 Prozent).

 

Aus aktuellen Studien geht hervor, dass sich 85 Prozent der NiederösterreicherInnen einen ökologisch gepflegten öffentlichen Grünraum wünschen. Die Realität schaut allerdings anders aus. Wie „Natur im Garten“ mitteilt, pflegen 240 Gemeinden ihren Grünraum ökologisch, 407 Gemeinden haben bisher das „Bekenntnis zum Biologischen Pflanzenschutz“ unterzeichnet.

 

Kurz & schnell

In Österreich und in der BRD sind mehr als 1.200 Pestizidprodukte zugelassen, in den USA um die 16.000. Allein in der EU sind 450 Wirkstoffe für Pflanzenschutzmittel zugelassen. In der Alpenrepublik werden, wie der Experte Prof. Johann G. Zaller in seinem Buch „Unser täglich Gift“ berichtet, pro Jahr an die 4.000 Tonnen Pestizidwirkstoffe verwendet. Zaller: „Und die Nachfrage nach Pestiziden ist weltweit steigend, im Vergleich zu 1950 ist die Menge der eingesetzten Pestizide um das Fünfzigfache gestiegen“. Weltweit wurden mit diesen Produkten übrigens geschätzte 49 Milliarden Euro umgesetzt.

Das Pflanzengift Glyphosat wird universal zur Unkrautbekämpfung verwendet, die Einsatzmenge steigt weltweit. Die Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) gibt an, dass allein in Österreich 312 Tonnen im Jahr 2016 verkauft wurden. Im März 2015 bewertete die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“. Wissenschafter  aus 25 Ländern sowie die WHO schlossen sich der Meinung der IARC  an. Bereits im Juni 2019 hat das Parlament in Österreich ein Glyphosat-Verbot beschlossen, es wurde aus politischen Gründen nie umgesetzt. Nach einer Entscheidung der EU-Kommission vom August 2020 darf Österreich ein Verbot nicht eigenmächtig auf nationaler Ebene aussprechen.


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