2017: Blindschleiche

(Anguis fragilis)

Die beinlosen Echsen, die trotz Namen und Aussehen weder blind noch Schlangen sind, zählen zu den häufigsten Kriechtieren unserer Heimat und sind in weiten Teilen Mitteleuropas fast flächendeckend verbreitet. Die verbliebenen Lebensräume unserer Kulturlandschaft besiedelt die Blindschleiche in relativ gesunden Beständen – so scheint es zumindest, denn unter allen heimischen Reptilien ist sie tatsächlich die Art, deren Biologie am wenigsten erforscht ist. Auch Kenntnisse über ihre natürlichen Populationsgrößen und -dichten sowie die lokalen Bestandsentwicklungen, die für den langfristigen Schutz zwingend nötig sind, liegen für die Blindschleiche kaum vor.

© Wolfgang Schruf

Beschreibung
Der Name trügt: Blind ist Anguis fragilis keineswegs – wie alle Echsen kann die Blindschleiche sehen, im Gegensatz zu Schlangen hat sie auch ein Augenlid und kann die Augen damit schließen. Blindschleichen werden bis max. 50 cm lang. Durch ihre graue bis braune – bei Jungtieren oft sogar silbrige bis goldfarbene – Färbung ist die Art am Waldboden perfekt getarnt. Jungtiere weisen zudem einen dunklen Aalstrich vom Kopf bis zum Schwanzende auf.

Im Gegensatz zu Schlangen kann man bei einer Blindschleiche von oben weder Hals noch Schwanzansatz erkennen. Der Blindschleichenschwanz kann bei Bedrohung abgeworfen werden und wächst dann verkürzt nach.

Verbreitung
Die Blindschleiche ist im größten Teil Europas und Vorderasiens zu finden. Ihr Areal deckt sich fast vollständig mit jenem der sommergrünen Laub- und Mischwälder der gemäßigten Zone. Nicht zu finden ist sie in Island, Irland, dem Süden der Iberischen Halbinsel, den Mittelmeerinseln und Apulien sowie dem Süden Griechenlands. Im Norden sind Nordskandinavien und der Nordwesten des europäischen Teils von Russland und im Osten die Nordseite des Schwarzen Meeres aus ihrem Verbreitungsgebiet ausgespart. Die Blindschleiche besiedelt Lebensräume vom Tiefland bis ins Hochgebirge oberhalb der Baumgrenze. In Österreich kann man sie bis in Höhen von max. 2.400 m finden.

Lebensweise
Anders als ihre entfernten Verwandten, die Eidechsen, leben Blindschleichen überwiegend im Verborgenen und lassen sich nur selten einmal an sonnenexponierter Stelle am Wegesrand beobachten. Viel häufiger zeugen auf Straßen überfahrene Individuen von dieser heimlichen Art, in Siedlungsnähe werden Blindschleichen oft auch die Opfer von Mäharbeiten oder streunenden Hauskatzen. Natürliche Feinde der Blindschleiche sind vor allem Turmfalken, Krähen, Marderartige und Fuchs, junge Blindschleichen fallen auch Amsel, Star und Maulwurf zum Opfer.

© Wolfgang Schruf

Gefährdung und Lebensraumansprüche
Die Blindschleiche gilt in den meisten Gebieten Österreichs, Deutschlands, der Schweiz und Luxemburgs als nicht unmittelbar gefährdet; sie ist aber wie alle heimischen Reptilienarten „besonders geschützt“ und vom fortschreitenden Verlust ihres Lebensraums bedroht, vor allem durch anhaltenden Siedlungs- und Straßenbau.

Dabei sind Blindschleichen erstaunlich anpassungsfähig und in ihren Habitatansprüchen flexibel. Der „Hartwurm“, wie die Art vor 200 Jahren auch treffend genannt wurde, besiedelt ein breites Spektrum an unterschiedlichsten Lebensräumen. Selbst in Großstädten sind Blindschleichen auf Brachflächen, Friedhöfen oder in naturnahen Gärten und Parkanlagen anzutreffen. Und auch jeder Gartenbesitzer kann zum Schutz der Blindschleiche beitragen: Durch den Verzicht auf Pflanzenschutzmittel und Insektengifte, durch das Zulassen wilder Ecken mit vielfältigen Kleinstrukturen im Garten, mit einem Mosaik an mikroklimatisch geeigneten Lebensräumen, zum Beispiel unter Baumstümpfen, dichtem Gehölz und Holzbrettern oder in locker geschichteten Stein-, Laub- und Komposthaufen.

Reptil des Jahres
Durch die Wahl der Blindschleiche zum „Reptil des Jahres 2017“ durch die Österreichischen Gesellschaft für Herpetologie (ÖGH) soll auf diese harmlose, nur vermeintlich gut bekannte Echsenart aufmerksam gemacht und ein breiter Kreis an Menschen informiert und sensibilisiert werden.

Quellen:
Kwet, Axel, 2016, Reptil des Jahres 2017: Die Blindschleiche.
 
 

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