Krähenvögel - Finstere Zeiten für die klugen Schwarzen

Seit den Pestzügen und Hexenverfolgungen im Spätmittelalter gelten sie als Totenvögel. Alfred Hitchcock benutzte dieses Klischee für seinen Horrorfilm „Die Vögel“. Krähen und Möwen, diese „Weißen“ auch entsprechend düster dargestellt, fallen darin über Menschen her. Wie einst die Raben und die Krähen über die Leichen, die ihnen im Burggraben und auf den Schädelstätten zum Fraß vorgeworfen worden waren. 

© Hans Glader

Die Jägersprache bezeichnet sie als „Raubzeug“; Zeug, das zu vernichten ist, weil es Junghäschen tötet und Gelege von Rebhühnern und Fasanen ausnimmt, die der Jäger selbst schießen möchte. Kurzhalten müsse man sie, diese Niederwildschädlinge und Nesträuber, meinen nach wie vor viele Jäger – und finden Zustimmung bei nicht wenigen Vogelschützern. Die Meinung, dass Krähen, Raben und Elstern die Singvögel gefährden, ist weit verbreitet. Man sieht es ja, wie sie im Garten Vogeljunge in schnabelgerechte Bissen zerhacken. Auf das Schreien der Kleinen hin eilt mancher Vogelfreund zur Rettung und verjagt die bösen Räuber. Bei dieser Sachlage fällt es schwer, die solcherart Angeschuldigten und oft genug auf frischer Tat Ertappten zu verteidigen. Das (Vor)Urteil ist ja längst gefällt.

Messen mit zweierlei Maß

Betrachten wir kurz die allseits geschätzten Meisen, denen niemand etwas zuleide tun möchte. Etwa zur selben Zeit, wenn die Krähen und Elstern nisten, ziehen sie in ihren Bruthöhlen die netten kleinen Jungen auf. Pausenlos haben diese Hunger. Schier atemlos schaffen die Eltern Nahrung für den bettelnden Nachwuchs herbei. Raupen und kleine Insekten. Beeindruckende Zahlen, wie viele davon ein Kohl- oder Blaumeisenpaar den Sommer über für die Jungen ihrer jeweils zwei Bruten verfüttern, sind ermittelt worden. Zehntausende sind es. Doch kaum jemand fragt danach, ob darunter nicht auch die Raupen und Falter besonderer Schmetterlinge sind, die unter Artenschutz stehen und die niemand ohne Genehmigung töten und sammeln darf. Wäre ja auch Unsinn, den Meisen vorzuwerfen oder gar vorenthalten zu wollen, wovon sie leben. Sie verhalten sich bei der Nahrungssuche eben so, wie es ihre Natur ist. Dass sie unter den Tausenden Raupen, mit deren Verzehr sie sich aus unserer Sicht nützlich machen, auch seltene und geschützte verfüttern, gehört zur Natur.

© Hans Glader

Doch warum werden die Krähen und Elstern anders behandelt, wenn sie auch in weitaus überwiegendem Maße mit „schädlichen“ Insekten ihre Brut füttern und sich selbst davon ernähren? Sie entfernen sogar Tierkadaver rasch und kostenlos, die in großer Zahl unserem Straßenverkehr zum Opfer fallen. Und sie bewirken mit dem „Nesträubern“ bei Amseln und anderen häufigen Kleinvögeln, dass sich diese nicht über alle Maßen vermehren.

Nehmen wir die Amsel als Beispiel. Aus zwei bis drei Bruten fliegen im Durchschnitt vier Junge aus; also etwa 10 pro Jahr. Im nächsten Sommer wären das fünf weitere Paare, die 50 Junge produzieren. Gäbe es keine Verluste, würde die Welt bald voller Amseln sein. Natürlich geschieht das nicht. Gelege gehen zu Grunde, Jungvögel sterben an Hunger oder durch ungünstige Witterung, der Winter kostet vielen das Leben, Jungamseln eher als den schon lebenserprobten Altvögeln. Aber auch deren Lebenserwartung ist gering. Eifriges Brüten gleicht die Verluste aus. Das Leben in der Amselwelt ist ein beständiges Auf und Ab, wie überall in der Natur. Ob wir das wahrhaben wollen oder nicht, weil wir Mitleid mit den armen Vögelchen haben oder aus Eigennutz als Jäger selbst töten und nicht andere das tun lassen wollen. 

Krähen, Elstern und die viel größeren, mächtigen Kolkraben in den Bergen leben jeweils auf ihre Weise. Da ist nichts Falsches dran. Falsch ist es, wenn wir die Natur anders sehen möchten als sie ist, vor allem wenn es dabei um den Eigennutz geht. Da schiebt man gern „die Natur“ vor.

Große und kleine Schwarze, Schwarzgraue und Schwarzweiße

Sechs verschiedene Arten, die landläufig als Krähen und/oder Raben zusammengefasst werden, gibt es bei uns. Der Größte ist der im Wesentlichen auf den Alpenbereich beschränkte Kolkrabe, „der Rabe“ schlechthin. Er hat die Größe eines Bussards, im Flugbild einen deutlich keilförmigen Schwanz und eine weithin tönende Stimme, an die sein Vor-Name Kolk-Rabe anklingt. Sein Schnabel ist mächtiger als der eines Steinadlers. Das verschafft ihm bei dem viel größeren Adler respektvolle Distanz. 

Die Kleinausgabe des Raben ist die Rabenkrähe, „die Krähe“ im landläufigen Sinn. Wie der Kolkrabe ist sie ganz schwarz gefiedert, aber vor allem im Flachland und im Alpenvorland verbreitet. In der Wiener Gegend und im Südosten Österreichs ersetzt ihre Zwillingsart, die grau-schwarze Nebelkrähe die ansonsten über ganz Westeuropa verbreitete Rabenkrähe. Zwischen beiden Formen der „Aaskrähe“, wie sie genannt werden, gibt es, wo sie aufeinander treffen, in einem schmalen Streifen Mischlinge. Der schwarzen Rabenkrähe recht ähnlich ist die Saatkrähe. Ein längerer Schnabel mit grindig grauem Ansatz am Kopf sowie deutliche Federhosen an den Beinen unterscheiden sie von der Rabenkrähe. Jungen Saatkrähen fehlen noch das bezeichnende „nackte Gesicht“ und der metallische Blauschiller im Gefieder, so dass sie oft mit Rabenkrähen verwechselt werden.

Einfacher machen es uns die drei anderen Arten, die kleine schwarze Dohle mit dem silbergrauen Kopfgefieder, die etwas größere Bergdohle mit dem auffällig gelben Schnabel und den roten Beinen sowie die unverkennbar schwarz-weiße, langschwänzige Elster. Schließlich wären auch noch Eichel- und Tannenhäher zu den Krähenvögeln zu rechnen, aber um die Häher soll es nachfolgend nicht gehen. Auch die Berg- oder Alpendohle und die gewöhnliche Dohle klammern wir aus, obwohl letztere ‚Vogel des Jahres 2012’ ist und Aufmerksamkeit und Schutz verdient. Denn es geht um die Frage der jagdlichen „Regulierung“ der Krähenvögel.

© Helmut Heimpel

Bejagung

Dohlen- und Bergdohlenabschüsse kommen, wenn überhaupt, zu selten vor, um von Belang zu sein. Die Bejagung richtet sich hauptsächlich auf Raben- und Nebelkrähe, Saatkrähe und Kolkrabe sowie auf die Elster. Dabei sollten sie alle eigentlich gemäß der Europäischen Vogelschutzrichtlinie als Singvögel geschützt sein und bleiben. Doch seitens der Jagd ist die Notwendigkeit der Regulierung dieser Vögel mit mehr oder weniger großem Erfolg geltend gemacht worden. „Erfolg“ bedeutet, dass naturschutzrechtliche Ausnahmegenehmigungen erteilt oder, wie in Bayern, regelrechte Jagdzeiten eingeführt worden sind. Sogar auf den Kolkraben, der bei uns ein Jahrhundert lang vom Aussterben bedroht war, wächst der (politische) Druck der Jäger und der Schafzüchter zur Wiedereinführung einer Bejagung.

Die Folgen der Bejagung mit überraschenden Ergebnissen

© Hans Glader

Nun könnte es ja sein, dass eine jagdliche Regulierung der Krähenvögel tatsächlich nötig und der eingangs gewählte Vergleich mit dem Tun von Singvögeln, wie unseren Meisen und Amseln, nicht angebracht ist. Betrachten wir daher ganz sachlich die Folgen der Bejagung. Eine große Zahl von Forschungsergebnissen und langjährigen Untersuchungen ist hierzu vorhanden. Die vielleicht wichtigste wurde im westdeutschen Saarland in den 1990er Jahren durchgeführt. Dort wurden im Einvernehmen mit der Naturschutzbehörde sechs Jahre lang sämtliche so genannten Beutegreifer, also die dem Raubwild zugerechneten Füchse, Marder, Dachse, Hermelin, Wiesel, etc., und das „Raubzeug“, die Krähen, Elstern und Eichelhäher, möglichst vollständig abgeschossen oder gefangen und zwar in einem 600 Hektar großen Revier, das recht gut den typischen Gegebenheiten mitteleuropäischer Landschaft entspricht.

Das Ergebnis fiel ernüchternd für die Jagd und überraschend für den Naturschutz aus, der gleichzeitig die Bestände der Singvögel auf der solcherart raubzeug- und raubwildfrei gemachten Flur untersucht hatte: Weder das Niederwild, noch die Singvögel nahmen zu. Die Vernichtung von mehr als 50 Beutegreifern pro Fasan oder Feldhase im Jagdertrag hatte nichts genützt. Die Witterung erwies sich als ungleich wirkungsvoller. Trockenwarme Frühsommer kamen dem Niederwild und den Singvögeln zugute. Nasskalte Witterung in der Fortpflanzungszeit verursachte die entscheidenden Verluste. War das untersuchte Großrevier, das etwa fünfmal so groß ist wie ein durchschnittliches deutsches Niederwild­revier, zu klein? Da die Forschungen vom passionierten Jäger und angesehenen Ökologen, dem Universitätsprofessor Dr. Paul Müller, geleitet worden waren, kann dilettantisches Vorgehen keinesfalls unterstellt werden. Vielmehr entsprechen die Befunde sehr gut den großräumigen Entwicklungen, die über die Jagdstrecken dokumentiert sind. So waren nach 1976 in ganz Bayern über ein Jahrzehnt lang sehr wenige Krähen und Elstern geschossen worden, weil die Europäische Artenschutzrichtlinie dagegen stand. Als großzügige Einzelabschussgenehmigungen und schließlich eine Jagdzeit folgten, schnellten die Abschusszahlen auf etwa Hunderttausend pro Jahr in die Höhe. Das Niederwild in ganz Bayern reagierte darauf jedoch nicht. Die Jagdstrecken an Hasen, Fasanen und Rebhühnern stiegen nicht. Sie waren auch in den Jahren der Vollschonung der Rabenvögel nicht stärker zurückgegangen. Sie folgten lediglich dem allgemeinen, von den Entwicklungen in der Landwirtschaft verursachten Abnahmetrend. Ganz entsprechend ließen sich für die angeblich von den Krähen und Elstern bedrohten Singvögel keine Bestandseinbrüche nachweisen, als die Krähenjagd ein Jahrzehnt lang ausgesetzt worden war.

Unerwartete Auswirkungen der Bejagung

Wenn nun aber diesen Befunden zufolge, die stellvertretend für viele andere beispielhaft herausgegriffen worden sind, die Bejagung der Krähenvögel zwar nichts nützt, aber auch nicht schadet, könnte man den Jägern das Vergnügen ja lassen, auch wenn sich ein Massenabschuss zum bloßen Jagdvergnügen nicht gerade als tierschutzgerecht und moralisch darstellen lässt. Doch wie so oft sind die wirklichen Verhältnisse komplexer als sich das schlichte Gemüter vorstellen. Die Bejagung der Krähenvögel verursacht unerwartete Auswirkungen und diese betreffen durchaus die Menschen ganz direkt.

Dazu ist ein kurzer Blick auf die Sozialstruktur dieser Vögel vonnöten. Krähenvögel lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Kolkraben, Rabenkrähen, Nebelkrähen und Elstern verhalten sich territorial ihren Artgenossen gegenüber und leben oft ganzjährig in festen Brutrevieren. Saatkrähen und Dohlen dagegen schließen sich in größeren Gruppen zusammen und brüten in Kolonien. Bei den Dohlen, den „Dachln“, ist das geläufig, wo die früher so bezeichnenden, nunmehr aber selten gewordenen Kirchturmkolonien noch vorhanden sind. Dohlen nisten aber gelegentlich auch einzeln in Baumhöhlen oder in Schornsteinen. Kolonien von Saatkrähen gibt es in Österreich nur wenige im Osten des Landes mit insgesamt einigen Hundert Brutpaaren. In Deutschland haben sich große Kolonien entwickelt – bezeichnenderweise wie in Österreich fast nur in Städten und größeren Siedlungen. Mit zunehmender Tendenz, denn die jagdliche Verfolgung drückt sie geradezu, wie auch die Raben- und die Nebelkrähen in die relative Sicherheit der Städte. In diesen werden sie nicht verfolgt; es sei denn, Brutkolonien werden zerstört, weil sich die Anwohner vom Lärm der Vögel und vom Schmutz, den sie verursachen, zu sehr gestört fühlen.

Diese Verlagerung in die Städte fällt bei den Saatkrähen wegen ihrer Kolonien weit stärker auf als bei den Raben- und Nebelkrähen, die ihre Reviere, wie auch die Elstern, ziemlich gleichmäßig übers Stadtgebiet verteilen. Zu Häufungen kommt es am Stadtrand oder an großen Parkanlagen, weil alle Krähenvögel den Zugang zum Boden brauchen. Parkanlagen, größere Gärten und Industrieflächen an der Peripherie bieten diesen freien Zugang zur Nahrung, die zur Brutzeit hauptsächlich aus Bodeninsekten und Würmern besteht. Damit füttern sie auch ihre Jungen. Saatkrähen und Dohlen suchen gemeinsam im Schwarm, Raben- und Nebelkrähen einzeln oder in kleinen Gruppen. Es lohnt, diese genauer durchzumustern. Denn Rabenkrähen sind zur Brutzeit einzeln, paarweise, als Trio oder im Sommer zusammen mit ihren ausgeflogenen Jungen zu Fünft bis zu Siebt unterwegs in ihrem Revier. Wo, wie in den Städten, Revier an Revier grenzt, bleiben die Krähengruppen darin klein. Oft kommt gar kein Bruterfolg zustande, weil die anderen Krähen den Brutpaaren Gelege oder kleine Junge wegnehmen.

Durch diese innerartliche Konkurrenz kommen ziemlich stabile Krähenbestände in den Städten zustande. Ihre Häufigkeit pro Quadratkilometer bleibt mit kaum mehr als einem Dutzend Brutpaaren gering; ebenso ihre Nachwuchsproduktion im einen bis drei Hektar großen Brutrevier. Der darin lebende Singvogelbestand verträgt die Verluste an die Krähen (und Elstern), wie oben bereits ausgeführt.

Bejagung schwächt den natürlichen Regulationsmechanismus

© Birgit Mair-Markart

Anders sieht es draußen auf dem Land aus, wenn die Krähen- und Elsternbestände bejagt werden. Häufig trifft die Bejagung die Brutpaare, denn diese sind an ihr Revier gebunden, wie der Jäger an sein Jagdrevier. Die Überlebenden schließen sich mit dem Nachwuchs der erfolgreichen Krähen zu Gruppen von ‚Nichtbrütern’ zusammen. Solche Krähenschwärme sind nicht an ein bestimmtes Revier gebunden. Sie fliegen dorthin, wo sie nach Nahrung suchen und zumindest eine zeitlang Verfolgung vermeiden können. Zur Brutzeit der Singvögel haben sie keine eigenen Jungen zu versorgen. Sie müssen daher nicht nach entsprechenden Insekten suchen, sondern holen sich das, was ihnen zusagt: Vogel­eier, Nestlinge, Junghasen und Kadaver von Tieren, die dem Straßenverkehr zum Opfer fielen.

Somit erhöht die Bejagung eher die Verluste an den „zu schützenden“ Arten des Niederwildes und der Singvögel als sie diese vermindert. Großflächige Zählungen in Oberbayern ergaben, dass die Menge der Nichtbrüter und die Größe ihrer Schwärme vom Stadtrand aufs Land hinaus stark zunehmen, wo die Krähen bejagt werden. Ähnlich verhält es sich bei den Kolkraben. Auch ihr Bestand gliedert sich in die territorialen Paare und in die mehr oder minder großen, unsteten Gruppen von Nichtbrütern. Würde es wieder zur umfangreicheren Bejagung der Raben kommen, nähmen die Nichtbrüter zu. Und bei den erfolgreich ihre Brutreviere haltenden stiegen die Bruterfolge an. Genau dieser Effekt zeigte sich bei den Rabenkrähen. Streckenzählungen von 150 km Länge quer durch Bayern von den 1970er Jahren bis in die Gegenwart ergaben eine Zunahme der Krähenhäufigkeit nach der Einführung der neuen Jagdzeit und nicht die von der Jagd angestrebte Abnahme. Der Abschuss hatte einfach den natürlichen Regulationsmechanismus geschwächt oder ganz außer Kraft gesetzt. 

Sollen sie also bejagt werden, die klugen Krähenvögel? Oder wäre es klüger, die Jäger würden aus den Forschungsergebnissen die angemessenen Schlüsse ziehen? Naturschutzgebiete mit völliger Jagdruhe haben längst bewiesen, dass die „jagdliche Regulierung“ unnötig und eher schädlich als nutzbringend ist. Die klugen Raben und Krähen wissen das längst. Sie haben sich in den besten Schutzraum zurückgezogen, den es für die Verfolgten gibt – in die Städte.

Text: Dr. Josef H. Reichholf lehrte an der Universität München Ornithologie und leitete die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung in München reichholf-jh@gmx.de

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